Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Carl Malaperten Leidender Christus ins Deutsche übersetzt von Simon Dachen von

Carl Malaperten Leidender Christus ins Deutsche übersetzt von

Simon Dachen

1651. 2. April.

Exquisitae eruditionis et judicii Viro Dn. Reinholdo Langerfeldio etc. Amico et Fautori plurimum colendo.

Cum hisce diebus, quos Dominicae passionis meditationi destinavit Ecclesia, in pietatis essem exercitio, Christi patientis a Carolo Malapertio aliquot elegiis, piene magis an docte haut facile dixerim, scripti in mentem venit, quod jam olim eundem poetam non semel avide legissem; nactus ergo ejus ab amico copiam vix primam poematii Elegiam legendo absolvi, cum me tam elegans atque pium carmen in vernaculam nostram transferendi impetus incessit, eum praecipue in finem, ut, cum mihi esset in argumento tam sancto elaborandum, studium pietatis eo exercerem melius, & crucis Christi, quam Bernhardus sublimiorem suam Philosophiam salutavit, miserandam imaginem cordi meo altius imprimerem. Cum autem finito labore, etiam aliorum latii praesertim sermonis rudium, pietatem hac mea qualicunque opella nonnihil juvari posse intelligerem, non abs re futurum existimavi, si, quem ego in transferendo fructum percepissem, & alii legendo consequerentur. Non equidem nescio, esse etiam in nostro idiomate non pauca quae devotionem nostram alant atque augeant; poetae tamen hoc habent quasi peculiare ac proprium, ut jucundae imitationis, excitatae masculaeque dictionis, metri denique blandientis lenocinio non fortius tantum sed & felicius animos penetrent & quasi captivos redigant: non quod sperem me eximiam authoris scriptionem versione adaequasse, quis enim hoc sibi sumat? cum pressae illius adstrictaeque dictionis felicitate nostra lingva latina non paullo sit inferiori sed sensum, quoad fieri potuit, exprimere in praesentia satis esse duxi, qua in re veniam facile merebor apud eos, qui molestiam translationis hanc versuum numerum non excedentis subierunt. Vanae cujusdam gloriolae captandae occasionem nemo mihi obijciat, qui laureolam in mustaceo quaerere ineptum semper judicavi, & inanem hanc laudis affectationem a modestia nostra alienam esse ultro, qui me familiarius norunt, confitebuntur. Hominem a nobis in fidei professione dissidentem nostris legendum propinasse culpabor, at cur? non dissidium hic religionis ullum, si quid scrupulosius rimantem offendat, id in nostro sermone ita opinor temperavi, ut litigandi mecum ansam omnem praeciderim. quam saepe illorum, quos damnamus, ipsi aut plumis nos ornamus aut vitula aramus, nomina autem ingrati dissimulamus. magna certe operarum nostrarum pars cum gratia simul periret, si ab illis abstinendum omnino esset. pietatem, quoqunque sive ore proferatur seu calamo scribatur, suspiciendam esse censeo perinde ut virtutem etiam in gentilibus admiramur atque amplectimur. Tibi autem, mi Langerfeldi, hoc quicquid est inscribere placuit, quod tu post Robertinum makaritnn unus soleas Nostras esse aliquid putare nugas. Dum tibi me probem aliis improbari non abnuo. Latinos veteres, Italos, Gallos aliosque scriptores praesertim poetas omnes ita familiares tibi reddidisti, ut tuum de singulis judicium satis interdum mirari nequeam. Plura de tuis laudibus adiicerem, nisi, quae tibi est modestia, odium tuum mihi importarem, cujus favorem quovis pretio non permutem. Accipe igitur exiguum hoc munusculum, ut, si qui sinistelli de eo rumores extiterint, eo statim confutentur, quod tibi placuisse dicar. Regiomonti Borussor. 1651. 4. Nonas Apriles.
Simon Dachius Poes.
Prof. Publ.

Carl Malaperten Leidender Christus


1. Klaglied

Das letzte Abendmal

Was kömmst du, Musa, her im langen Trawer-Kleide?
Gelehrte Klage reumt sich nicht zu meinem Leide.
Kommt Thränen, Angst und Noht, kommt ohn Geschick' heran,
Dieweil mein Schmertz nicht Art noch Weise halten kan.
Laß David seinen Freund den Jonathan beklagen,
Er könne Leid umb ihn auff seiner Leyer tragen,
Wie auch Helkias Sohn beweine sehr den Brand
Jerusalems mit Kunst und mit berühmter Hand.
Man möchte wol vielleicht, wann Menschen wo verbleichen,
Durch ein geschicktes Lied beklagen ihre Leichen:
Bey dem Tod' aber kriegt Gesetz und Art nicht stat,
Der einig weder Maß noch seines gleichen hat.
Mein such dir durch Gesang ein Lob wo zu erwerben,
Wenn Christus an dem Creutz in Schmach und Hohn muß sterben.
O lieber schaw' ich ihn erbärmlich an, und steh
In Ohnmacht, biß ich nun in Thränen gantz zergeh.
Laß, Jesu lieber Blut aus meinen Augen fliessen,
Dieweil dein gantzer Leib auch muste Blut vergiessen.
Vnd du voraus, O Mensch, misch deiner Thränen Fluth
In meine, dieses rührt von deinem Vbermuht.
Nicht Juda nur hat Schuld, wir haben, wir wir eben
Die Vrsach, er hat nur die Hand dazu gegeben.
Vnd, Musa, weil dein Sinn nicht ruhen wil noch kan
Zu weinen neben mir, so sing du erst voran,
Sing erst, auch wol umbsonst, wird Christus weggenommen,
So ist das schlechtste hie umb wenig Worte kommen.

Die Ostern waren da, das Lamm wird gahr gemacht,
Das Brot ohn Sawerteig wird auff den Tisch gebracht,
Der Herr will auch das Fest, den Vätern gleich, begehen,
Die Bilder sollen nun mit That erfüllet stehen,
Theils Jünger richten zu das Lamm auff sein Begehr,
Theils warten sonst ihm auff und stehen umb ihn her.
Sie sind den Zeichen nach zum Frembden eingegangen,
Der Tisch, der andern war gedeckt, hat sie empfangen,
Hie wo das Opffer ist, das aller Opffer Blut,
Wie wehrt und alt sie seyn, numehr bey seite thut.
Weg was nicht heilig ist! ich wil von hohen Dingen,
Die kaum zu gläuben stehn und dennoch war sind, singen,
Der grosser Priester spricht die Worte, die so vol
Geheimniß sind und schier ein Mensch nicht melden sol,
Schaw, was geschieht? das Brod ist Christus Leib, der Reben
Gewächs sein wares Blut das er für uns gegeben.
Daß dieses war sey, zeugt der Warheit Seel und Licht
Der der Natur Gesetz, ihr Stiffter, leicht zerbricht,
Auch jetzt noch giebt er sich doch unzertheilt zum besten
Mit unter in dem Brod uns seinen lieben Gästen,
Durch dieses Wunder-Werck, das aller Welt bekand,
Wil er uns ewig seyn selbst seiner Liebe Pfand.
Darauff fährt Judas fort der schändlich' Vbelthäter
Ihn zu verrahten, doch ihm selber sein Verrähter.
In dessen weil der Herr den Jüngern mancherley
Verkündigt, was zu thun und was zu meiden sey,
Hat von der Mutter er auch Abschied da genommen,
Die nach Jerusalem gleich mit ihm war gekommen,
Sie fällt ihm umb den Hals und weint mit aller macht
Vnd saget kaum für Leid und Trübniß gute Nacht.
Hab' ich diß Creutz verdient, ich wil es, spricht sie: tragen,
Mein Sohn, für Seufftzen kan sie kaum ein Wort mehr sagen.
Man leide, was man nicht verwirckt hat, mit Gedult,
Denn warlich diesen Tod trägst du ohn deine Schuld.
Was du mir aufferlegst, das laß mich willig leiden,
Mein Gott, wohin du ruffst da folg' ich dir bescheiden.
Gehab dich wol, sie küst den Sohn ohn unterlaß,
Er sie, die Küsse sind von vielen Thränen naß.
Gieb, spricht er: Mutter, dich die kurtze Zeit zufrieden
Biß in den dritten Tag sind wir doch nur geschieden.



2. Klaglied

Das Gebet im Garten

Es war nun umb die Nacht und umb das volle Liecht,
Der Monde wich' am Glantz auch schier der Sonnen nicht.
Sie stehen auff, der Herr selbst vierter ist verschwiegen
Den Oeleberg hinauff sehr hoch betrübt gestiegen,
Den Berg, der ausserhalb der Stadt viel Oele trägt,
Vnd eine Garten-Lust auff seinem Gipffel hegt.
Hie ist zu weinen fug, hie irrt ihn kein Getümmel,
Die reinen Hände hebt er hie empor gen Himmel.
Er denckt an die Gestalt der tausendfachen Noht,
Schmach, Geisseln, Backenstreich, Creutz, Dornen, Bande, Tod.
In dem er nun beginnt der Laster Grimm und Grawen,
Die sein unschuldigs Haupt ihm drucken, anzuschawen,
Erseufftzt er tieff, sein Hertz ist Angst und Schreckens voll,
Durch Trawrigkeit, die Gott auch selbst empfinden sol.
Sein Leib muß Schweiß, sein Häupt viel Trhänen ihm
gewehren,
Der Schweiß war aber Blut, Blut waren auch die Zähren.
Wo Vater, spricht er: dich je Blut versöhnen kan,
Schaw her, dein lieber Sohn vergeust es, nimm es an.
Legst du das höchst' auff mich? hier ist das höchste Leiden,
Aus dessen Furcht ich auch von hinnen schier muß scheiden.
Doch ist der Schweiß nicht gnug, versöhn' ich erst durch Blut,
Das Geisseln sampt dem Speer vergiessen, deinen Muth?
Hie bin ich; wenn man mich auch wird getödtet haben,
So mag der Spies mein Hertz ausleeren und durchgraben.
Der Vater selbst erbarmt sich über seinen Sohn,
Schickt einen Engel her von seinem hohen Thron,
Der ihn sol trösten, ihm sol trucknen seine Wangen,
Von dem er doch dabey ein hart Gebot empfangen.
Was holst du, Christe, Trost vom Himmel? hat denn Gott
Nicht Krafft gehabt behertzt zu leiden diesen Todt?
Ich merck es, ach! Du wilst dir selber Trost versagen,
Auff daß du kanst Gedult mit unsrer Schwachheit tragen.

3. Klaglied

Die Greiffung

Was aber drähnt die Erd? Ist es von Füssen nicht?
Was scheint bey finstrer Nacht so vieler Fackeln Liecht?
Halt, sind es Waffen? Ja, ich höre Waffen kommen
Den Weg her, welcher wird nach Solyma genommen.
Ersteigt ein Feind die Stadt? Verstört der Held das Fest,
Der uns die Ostern nicht, wie bräuchlich, feyren läst?
Was? hör' ich nicht das Volck von Jesu sorglich zischen?
Hier ist er: sprechen sie, er sol uns nicht entwischen.
Auch Christus hört und kömpt zuvor derselben Schaar,
Als der ohn Widerspruch zu sterben willens war:
Wo wollt ihr Leute hin? Ihr dürfft euch nicht bemühen,
Ich bin es den ihr sucht, ich werd euch nicht entfliehen.
Für diesem Wort nur kan der Hauffe nicht bestehn,
Er weicht zurück und muß mit Sturm zu Boden gehn.
Es thönt, der Gipffel muß erzittern sampt dem Laube,
Da liegen Fackeln, Spieß, Schwerd, Kolb und Bickelhaube.
Doch stärcket sie der Zorn, sie stehen Krafftloß auff,
Gehn aber wieder ein und fallen hin zu hauff.
Sie fahren fort, der Grimm muß ihren Sinn verkehren,
Sie sehn handgreifflich Gott und können ihn verschwehren.
Vnd Judas frischt sie an, der führt die gantze Schaar,
Der seinem Herren so entgegen gehen thar,
O Büberey, er kan zum Meister sich gesellen
Sich freundlich gegen ihm voll aller Schalckheit stellen,
So zeichnet er den Raub, der falsche Liebes-Schein,
Ein Kuß muß dieser List und Boßheit Losung seyn.
Darauff wird nicht gesäumt, der Herr wird stracks von allen
Mit stürmender Gewalt gantz rasend überfallen.
Wol tausend halten ihm die Hände, tausend ziehn
Ihm Seil' her umb den Hals, und tausend schleppen ihn.
Der knüpfft ihm umb die Arm' ohn wiederstreben Stricke,
Der würgt und bricht ihm schier mit Knoten das Genicke,
Ein ander hat sein Häupt zu zausen nicht gespahrt,
Der raufft ihm unverschämt mit kühner Hand den Bahrt.
Wie wann der Hunde Spur kan einen Hirsch auffbringen,
Das Horn schlägt an, die Lufft muß überall erklingen,
Das arme Wild voll Furcht und Schrecken fleuget bald
Hin durch das freye Feld, ietzt durch Gepüsch' und Wald.
Der Hund ist hinter her, ietzt springt er ihm entgegen,
Jetzt auff der Fersen nach, und folgt ihm allerwegen,
Biß daß er gar hinein mit offnem Rachen fällt,
Vnd solchen Raub nun fäst mit seinen Zähnen hält.
Dann sieht man alle, den ihn bey den Ohren fassen,
Den bey den Füssen, den die Kehle nicht verlassen,
So daß nun Raum gezerrt zu werden mehr gebricht,
Das grosse Wild begreifft der Mäuler Mänge nicht.
So fängt man Christum theils, theils sucht man ihn zu fangen,
Ihn auch nur angerührt begnüget ihr Verlangen.
Wo bleibt ihr Engel dann, springt ewer Heer nicht zu?
Was seht ihr diese That und sitzt in fauler Rhu?
Heran, vertheidigt ihn, man raubt euch ewren König,
Vnd ist er ewer Häupt, wie schätzt ihr ihn so wenig?
Vmbsonst, kein' Hülffe kompt auch von des Himmels Thron.
Die Jünger fliehen auch, wo jedes kan, davon.
Was zückest du dein Schwerdt, wirst du sie, Simon, jagen?
Kaum Simson würd' allein sich gegen Tausend wagen.
Er gleichwol geht, und häwt darein mit gantzer Macht,
Du kömpst ihm in den Schlag, nim, Malch, den Kopff in acht,
Da lägst du, wäre nicht der Hieb was abgeglitten,
Das Ohr wird hierdurch ihm doch schändlich abgeschnitten.
Noch mehr, er geht auff sie, in seinen Tod, hinein,
Als Gott mit dem Gewehr ihn heist zufrieden seyn.
Dein Schutz weis, Peter, nichts für dieses mahl zu schaffen,
Schlägt sie mein blosses Wort, was sollen deine Waffen?
Dieweil mein Vater ietzt mich reitzt durch sein Gebot,
Gebührt mir willig auch zu tragen alle Noht,
So spricht er, und schafft Raht dem Kopff und seiner Wunden,
Er setzt das Ohr hinan, stracks wird es heil befunden.
Dieß Wunderwerck erweicht doch ihnen nicht das Hertz,
Dem sich an Härte gleicht kein Caucasus, kein Ertz.
Sie schlagen ihn, mit Huld begegnet er den Schlägen,
Sie fluchen, er vergilt es mit Gebet und Segen,
Sie binden ihm die Händ', jedoch die heilsam' Hand
Ist zu der Krancken Nutz, gebunden auch, ohn Band.
Geht bösen Leute, geht, der Führer und Verrähter
Ist solcher Rotten recht, sie solchem Vbelthäter.



4. Klagelied

Darstellung vor Caipha und nächtliche Schmache

Indessen geht bey Nacht die Geistligkeit zu Raht,
Die ihre Zähne wetzt auff diese böse That,
Sie horchen zu, gleich wie, der Vögel sucht zu fangen,
Beym Garn sehr wachsam liegt und lauschet mit verlangen.
Offt schelten sie die Knecht' als wären sie zu faul,
Offt reisst die lange weil ihr mörderisches Maul,
Doch eilen diese sehr, der Herr wird fortgerissen,
Vnd folgt, so fern die Band' ihn lassen, die ihn schliessen,
Er geht gehorsam mit, es mag der Landsknecht ihn
Fort über Hals und Kopff gleich reissen oder ziehn.
Das gantze Haus muß schon beym Caiphas erschallen,
Der Priesterschafft beginnt das Hertz erfrewt zu wallen.
Auff eines Vntergang gehn, die sonst uneins seyn,
Mit Sinnen und mit Rath zusammen Freundschafft ein.
Des Todes Vrtheil wird von allen ihm gesprochen,
Er wird geführt, der Stab ist über ihn gebrochen.
Er stehet mitten ein, der hohen Schönheit Liecht
Vnd alle Zieraht mahlt sein heiligs Angesicht,
Viel Zeugen sind erkaufft, die fälschlich ihn beliegen,
Ihr Zeugniß aber wil sich nicht zusammen fügen.
Daher sie Christus auch mit schweigen wiederlegt,
Daß sich ein jeder selbst mit seinen Worten schlägt.
Da fragt ihn Caiphas, und schwert bey Gottes Leben,
Du, spricht er: solst Bescheid und Antwort von dir geben,
Sag, bist du Gottes Sohn, des grossen Vaters Raht,
Wie der gemeine Mann den falschen Glauben hat?
Ja, spricht er. Caiphas hat da sein Kleid zerrissen.
Weg, schreyen sie, mit ihm! sein Halß sol solches büssen.
Der Raht steht eilends auff und redet Mord und Blut,
Da man denn Gott in Schmach und Bande wieder thut.
Wie wird mir, Christe, doch die Grausamkeit beschrieben,
Die Schläg' und was man dir für Frevel zugetrieben,
Als das Gesindchen bloß mit dir die gantze Nacht,
In Hohn und Vbermuth aus Kurtzweil zugebracht;
Als du so manchen Streich auff deine zarte Wangen,
Von der geharnschten Hand der KriegesKnecht empfangen?
Als man die Augen dir verhüllt' und sprach: errath,
Wer ist es von der Schaar der dich geschlagen hat?
Vnd als ein Lotterbub frech, garstig, ungeschewet
Dir deinen Bart geraufft, dein Angesicht verspeyet?
O weh, daß unsre Schuld dir ursacht solche Pein,
Vnd unsre Missethat muß so gebüsset seyn!
Ich aber weiß, was du an deinem Haupt empfunden,
Der Hohn, die Schläge sind die Artzney meiner Wunden,
Durch diese Bande wird die Freyheit, Ruhm und Zier
(War ich wol dessen wehrt?) durch diese Schmache mir.



5. Klagelied

Anklage vor Pilato und Herode

Die Morgenröthe fährt kaum aus Tithonus Bette,
Die Schrifftgelehrten sind schon auff als umb die wette,
Das Volck verwundert sich was heiligs sie heraus
Gelockt, denn keiner macht sich in des Herren Haus.
Vielleicht weil man zu raht sol gehn von hohen Dingen,
Denn es viel Rahts bedarff die Vnschuld umbzubringen,
Sie setzen sich, ihr Hertz ist voll von neuer List,
Als welcher Stirn auch gar von Lastern schwanger ist.
Theils rahten daß man sol einhellig dahin schliessen,
Daß nach der Väter Recht er werde hingerissen,
O nein, spricht Caiphas: der Pöfel macht ihn frey,
Man weis, daß er ohn Schuld bey uns in Mißgunst sey.
Wie, wenn wir nur den Schein der Vnschuld überkommen?
Was hindert es, kan uns nur, ungerecht seyn, frommen?
Nur das Pilat mit Macht dem tollen Pöfel wehr,
Vnd, als der Richter, sey von allem Argwohn leer.
Wie solte nicht der Spruch nach Wunsch sich zu uns neigen?
Selbst die Gerechtigkeit hat Schuld bey diesen Zeugen.
Offt weissagt Caiphas ohn Willen und Verstand,
Denn die Gerechtigkeit wird schuldig jetzt erkand.
Nun muß der Herr und sie vor einem Römer stehen,
Doch die Gerichts Ahrt muß auff Römisch nicht ergehen.
Denn hie steht der Beklagt', und da der Kläger Schaar,
Was in Jerusalem von Priestern irgends war.
Man weiß nicht ob sie mehr Klag oder Schmähwort führen,
Dies weiß man, beydes müss' aus lauter Mißgunst rühren.
Den Schultheis jammert selbst, der solches Vnrecht sieht,
Wird dem Beklagten hold, weil ihm zu viel geschieht.
Vnd weil er gern verzeucht, ihn gern geschützet hätte,
Vnd alle Kunst erdenckt wie er die Vnschuld rette,
Sagt einer ohn gefehr, er bringt viel Volcks zu hauff,
Ist er aus Galilee, das wiegelt er gantz auff;
Die Sach' und er gehört vor mich nicht, darumb steh' er
Vor seinem König, weg, er ist ein Galileer.
So spricht Pilat, und läst den Richtstuel ledig stehn,
Da siht man alles Volck stracks zum Herodes gehn.
Er kömpt, der, König, dich aus deinem Reich wil heben,
Mein hüt dich, schaw wie viel Soldaten ihn umbgeben.
Vnd dieses einig schwert der Schrifftgelehrten Raht,
Ihr Zeug' ist Gott, so hoch bekräfftigt man die That.
Doch Gott, der König nicht, verdampt so fälschlich schweren,
Sein Wandel thät gnug kund, daß eitel Lügen wären.
Zweymal war Christo Volck gefolgt zur Stadt hinaus,
Das hatte nicht gedacht an Speise, nicht an Hauß.
Er hatte sie zweymal mit wenig Brod ernähret,
So daß mehr über war geblieben als verzehret.
Herodes weis hierumb, und wil den Mann gern sehn,
In Hoffnung daß durch ihn ein Zeichen sol geschehn,
Dies und viel ander Ding wird Christus nun gefraget,
Er aber hat kein Wort zu allem dem gesaget.
Johannes fällt ihm ein, sein' Vnschuld und sein Tod,
Es war hie nicht, daß Gott ein Wort verlöhre, noht.
Du, spricht Herodes: sollst nicht weg gehn ohne Gaben,
Was dein Verstand verdient, das solst du von mir haben;
Bringt einen weissen Rock. Kein Niesewurtz ist gnug,
Nicht gantz Antycira macht diesen Menschen klug.
Kein besser könt', als er Herr zu Amyclis walten,
Da solt' er alles Volck in stummer Herrschafft halten.
So, spricht er. Wie der Herr das weisse Kleid an hat,
Da jauchtzt der gantze Hoff und lobt des Königs Raht.
Der Hoff, die Priester nicht, die wollen nichts von Sachen
Als Flucht und Tod, der Neid pflegt nimmer gern zu lachen.
Was Raht? kein Recht ist mehr, das sie verhören kan,
Vnd der ist noch, den sie gern sähen abgethan.
Vnd lassen sie ihn loß, das wäre grosse Schande,
Der Zorn, bekömpt er Lufft, giebt mehr auff keine Bande,
Man siehet grössern Lerm und Frefel nur entstehn,
Sie wollen wiederumb hin zum Pilatus gehn.
Hilfft nicht Gesetz, nicht Recht, was das Gesetz versage,
Das Recht nicht geben wird, soll Grimm und Aufruhr tragen.



6. Klaglied

Andere Anklage vor Pilato

Sie schleppen ihn, vorher geht Schrecken und Geschrey
Pilatus springt heraus und siehet was es sey.
Sie stehen kaum recht still: töd, schreyen sie, uns diesen,
Die Schuld ist, oder meyn, sie sey ihm gnug erwiesen.
Ich wil es meynen, nur beweist es, spricht Pilat:
Bißher noch sind ich ihn auff keiner Vbelthat.
Ich schick ihn zu Herod, der schickt ihn mir zurücke
Im weissen Kleid', hat weiß zu Sündern auch geschicke?
Den gantzes Salem kennt, schreyt alles überein,
Vnd einen Bößwicht heisst, soll der nicht schuldig seyn?
Der Zeugen ist nur zwey, macht dieses dir bedencken,
Man hätte längst bereit den Taugnicht sollen hencken.
Da kriegt je mehr und mehr der Lerm die Oberhand,
Man hat von Worten sich auch zum Gewehr gewand.
Der Richter spricht verzagt: Wo Waffen oben schweben
Vnd kein Gesetz mehr gilt, muß man gewonnen geben.
Aus Knechte, geisselt ihm die Glieder umb und an,
Weil sonst der Pöfel nicht gestillet werden kan.
Das Römische Gesind' eilt diesem nachzukommen,
O wie viel Hencker, Rom, hast du hierzu genommen?
Die Rutten von dem Beil zu lösen ist nicht zeit,
Ihr ist zu wenig auch, sie langen nicht gar weit.
Man nimpt die Gürtel ab, die grawsam sind beschlagen,
Vnd Buckeln, Ring' und Häfft an allen Ecken tragen.
Ein Marmeln Pfeiler steht recht mitten eingestellt,
Der das Gewelb und auch die Last des Hauses hält,
An den wird Christus nackt vom Schergen angebunden,
Sein Angesicht wird roht von Scham, die er empfunden.
Dieß siehst du, Sonn, und dehnst noch schändlich aus dein Licht,
Warumb doch hältst du jetzt Thyestis Strasse nicht?
Verdeckst du seine Schmach nicht mit geschwindem Schatten?
Vielleicht kömpt deine Trew ihm' allzuspät zu statten?
Doch lässt er, sich zur Straff, dem Tage seinen Schein,
Der billich solte schwartz von Finsternissen seyn.
Er steht kaum angeschmürt, als eilends aller wegen
Der Kriegsknecht an ihn setzt mit vielen tausend Schlägen.
Ihr Jüden, her und helfft, (so schertzt ihr böser Mund,)
Seht welche Lust es sey zu schmieren diesen Hund.
Ein jeder lässt für sich die starcken Arme schawen,
Vnd merckt den heilen Ort, denselben wund zu hawen,
Ein scharffer Scorpion zerreist den Leib ihm hier,
Die Haut verleuret da durch einen Hafft die Zier.
Er wird mit Sähnen hie, mit Stricken dort zerrissen,
Vnd jetzt mit Ruten, jetzt mit Geisseln sehr zerschmissen
Ohn Seumniß und ohn Ruh, daß einer ruhen kan,
Sind andre frische da, ein jeder greifft sich an.
Die Eicheln fallen nicht so häuffig von der Eichen
Wenn sie der erste Frost beginnet zu bestreichen.
Die Dächer geben nicht so einen deichten Schall,
Wenn Jupiter uns schreckt durch seinen Hagel-Fall.
Es fehlet eh' an Raum zu schlagen als an Schlägen,
Vnd eine Wunde wird aus allen allerwegen.
O Schmertz, O höchste Trew! daß Gott sich nicht gerührt
In solcher Angst, die Lieb' hat ihn so fest geschnührt.
Er stehet unbewegt, ohn daß die Last der Schläge
Von solchen Fäusten ihn macht schüttern oder rege.
Er seufftzt auch nicht, ohn nur umb unsre Sünd allein,
Wofern Gott sol, so muß er so gemartert seyn.

7. Klaglied

Krönung und Verurtheilung zum Tode

Der Knechte Barbarey (verzeih daß ich es sage,
Weil du Barbarisch, Rom, wirst recht an diesem Tage),
Stellt an zu newem Hohn gar Königlichen Pracht,
Denn Christus Straffe wird zu einem Spiel gemacht.
Sein Scepter ist ein Rohr, das trägt er, sie bemühen
Dem newen König, ihm, auch Purpur anzuziehen,
Kein frembdes PurpurKleid, ihr KriegsKnecht, ist hie noht,
Er ist von deinem Blut vorhin schon Purpur-roht.
Gebt seinen Rock nur her, was Farbe der mag führen,
Stracks wird er Purpur seyn, wird Christus ihn nur rühren.
Was noch zuletzt gebrach, des Hauptes hohe Zier
Dasselbe schenckt die Krohn' aus spitzen Dornen hier.
O Leid! die Dornen sind tieff in sein Haupt gegangen,
Daher das Blut herab treufft über seine Wangen.
Er wird, so angethan, dem Richter vorgestellt,
Ich weis, daß kaum ein Stein hie seine Thränen hält.
Das Volck entbrennt je mehr und mehr in wilden Flammen,
Weg, an das Creutz mit ihm! so schreyen sie zusammen.
Giebt dein Gewissen dir hie wo Gedancken ein,
Vergiß es, sonst kanst du des Käysers Freund nicht seyn.
Wird was versehn, die Schuld komm über unser' Erben,
Wir hafften, wir dafür, nur laß uns diesen sterben.
Ein böses Volck! so hoch kömpt ihm der Haß zu stehn,
Bringt es nur Christum umb, so wil es untergehn.
Ihr bringt ihn umb, und tilgt euch selbst auch von der Erden,
Was ihr euch ohn Bedacht selbst wünschet sol euch werden.
Ihr rufft den Käyser an, beym Käyser kriegt ihr stat,
Der wird ein Rächer seyn der schweren Vbelthat.
Pilat läst Christum nicht so lang, ohn Schuld, ermorden,
Vnd ist an Richters stat fast sein Vertreter worden,
Als er vom Käyser hört, wird er so sehr erschreckt,
Als einer den der Blitz hat plötzlich angesteckt.
Nur dieses Wetter macht ihn kleinlaut und was leiser,
Der Nahm' ist ihm sein Blitz, sein Jupiter der Käyser,
So offt sein Donner schalt, so offt fällt ihm der Muht,
Biß ihn die eitle Furcht gar in die Bande thut.
Durch Mordthat die nicht gnug im Fluch wird ewig schweben,
Hat er zum Tode Gott unschuldig hingegeben.
Ein Narr! die Schuld, die sonst kein gantzes Meer verlescht,
Geht, meint er, ab, wenn er sich nur mit Wasser wäscht.



8. Klage

Creutzigung

Er wäscht, die Mordthat wird durch keine Fluth gereget.
Der Purpur wird Gott ab-, sein Kleid ihm' angeleget.
Man fragt nach einem Creutz und Nägeln, dieses Spiel
Kriegt neuen Auffzug so, und damit auch sein Ziel.
Das Werck geht fort, das Volck beförtert es von Hertzen,
Die Priesterschafft hält an, die Seumniß bringt ihr Schmertzen.
Der Morgen ist lang' hin, es ist zu essen Zeit,
Weil dies der Hunger, dies der Mittag schon gebeut.
Ihr Hertz wird durch den Zorn viel stärcker angetrieben,
Hie kan der Hunger nicht, nicht Mittags-Zeit belieben.
Sie zimmern in der Eil ein grobes Holtz, das legt
Man auff ihn, dessen Last der Herr geduldig trägt.
Es hatten ihm der Scherg, das Blut, die Nacht, das Wachen
Die schlechte Krafft geraubt, was wil er aber machen?
Er gehet, bald darauff wird alle Macht besiegt,
Biß daß er endlich gar für schwerer Last erliegt.
Ein Landmann, Simon, wil zur Stad des Weges reisen,
Der von Cyrenen war, wie man es wil beweisen,
Den hält man an, er thu's gern oder mit Verdruß,
Vnd legt den Baum ihm auff daß er ihn tragen muß.
Er schilt umbsonst den Weg, die Last hat ihn gedrungen,
Denn dieß, worauff er schilt, wird er zu thun gezwungen.
Nach Westen liegt ein Berg Jerusalem gar nah,
Der steigt gemach empor und heisset Golgatha,
Da gehn sie hin, da muß der matte Simon sitzen
Auff seinen Block, der Herr ist schon hoch auf der Spitzen.
Da reisset man den Rock ihm ab mit Haut und Haar,
Er legt sich auff das Holtz wie ihm befohlen war,
Stracks wird sein Kleid ein Raub den Henckern und Soldaten,
Das war durchaus gewirckt und hatte keine Nahten.
Vnd weil es also sich nicht trennen läßt in Stück',
Als wird es hingesetzt auff Würffelspiel und Glück.
Bald bohren sie ihm durch die Hände sampt den Füssen
Mit Nägeln, die durch Macht sonst Balcken halten müssen.
So offt der Hammer schlägt und treibt sie tieff hinein,
Fährt ihm der höchste Schmertz biß gar durch Marck und Bein.
Kömpt MenschenFrefel nun auch so weit, daß sie haben
Gethürst ihm diese Füss' und Händ' (o weh!) durchgraben,
Die Hände die so offt der Krancken Noht geheilt,
Vnd den Verstorbnen schon des Lebens Liecht ertheilt.
Wer thürst', Herr, ungestrafft sich dessen unterstehen,
Solt unsre Gunst bey dir nicht über alles gehen?
Der du am Creutz Ihn, Mensch, siehst hangen und dabey
Erkennest, daß er Gott in deinem Fleische sey,
Komm her, schaw an sein Haupt, wie grausam es gekrönet,
Wie blaw von gestern noch sein Mund sey, wie verhönet.
Schaw wie sein Haar und Baart so blutig, sein Gesicht
Vnd Wangen ohn Gestalt, sein' Augen gar ohn Liecht,
Wie ihm sein Eingeweid wil durch die Rippen fliessen,
Wie tausend Wunden sonst ihn überall zerrissen.
Dieß ist der offne Brunn, von welchem vor der Zeit
Schon Esaias sang halb traurig, halb erfrewt,
Aus welchem du für dich solst Heyl und Leben holen,
Er fleusset beydes aus den Händen und den Solen.
Bist du von deinem Blut und Vnflat aber rein,
Laß dir die Hände nicht besudelt wieder seyn.
Lohn seiner Liebe nicht mit undanckbarem Hertzen,
Setz ihn nicht auff das new' in Fluch und Todes Schmertzen,
Reiß lieber uns Dir nach, Herr Christ, durch Lieb' und Leid,
Das Kreutz hat dich empor gehoben allbereit.



9. Klaglied

Der Tod

Indessen eilt das Volck an Kindern, Männern, Frawen,
Sehr häuffig aus der Stad aus blosser Lust zu schawen.
Die Lust zu sehn ist gleich, das Hertz nicht einerley,
Den der verspricht die That, ein ander fällt ihr bey.
Die Mutter war da auch betrübt und voller Schmertzen,
Johannes ist mit Ihr, Sie weinet recht von Hertzen.
Sie, eine Jungfraw, dringt das Volck durch, ungeschewt,
Die Liebe zu dem Sohn zwingt beydes Scham und Leid.
Der Sohn, O Jammer, hangt schon an das Creutz erhöhet,
Da Ihm die Mutter recht zu seinen Füssen stehet.
Wie war dir, Jungfraw, da? ach hattest du auch Lust
Zu rauffen dein Gesicht, zu schlagen deine Brust?
Wie soltest du dich nicht da reissen bey den Haren?
Nicht heulen? oder gar erstarrt von hinnen fahren?
So weinen Mütter, die Tobiam, jene dort
Die Kinder, die erwürgt sind durch Herodes Mord.
Maria aber ist bemüht behertzt zu tragen
Das Leid, davon sie lang zuvor hat hören sagen.
Vnd ist der Sinn ihr gleich von tausend Schmertzen wund
Hat sie doch kurtz und still zu klagen so begunt:
Mein Kind, wie siehst du aus? wie gleichst du keiner wegen
Dir, als du mir so lieb bist auff dem Schos gelegen,
So bist du keinem noch gekommen zu Gesicht,
Die Mutter hält schier selbst dich für den ihren nicht.
Doch heist dein Dörnicht Häupt, die Hände so zerspalten,
Dein wund gepeitschter Leib dich für mein Kind mich halten.
Auch daß ich Mutter dich mein Kind kaum kennen kan,
Zeigt, daß du seyst der mein', auch gar zu mercklich an.
Die Farb ist noch allein von allen den Geberden,
Doch soltest du auch so noch deiner Mutter werden.
Ich kenne meinen Sohn, erkenn du mich dabey,
Was thu ich, daß ich nicht mehr deine Mutter sey?
Was grosse Mißgunst wil die Wunden meinen Zehren
Vnd meinem trewen Schoß den Leichnam nicht gewehren?
Daß das Gesinde hat verübt Befehl und Pflicht,
Es thu was ärgers noch, dawider streit ich nicht,
Noch was dein Vater dir für Satzung je mag schreiben,
Nur laß mich, bitt' ich, trew und deine Mutter bleiben.
Sie hätte mehr geredt, der Schmertz hat sie geschweigt,
Der Schmertz der seufftzend weit noch über Worte steigt.
Der Herr läst kaum auff sie die krafftloss' Augen fallen,
Ihr Liebsten, spricht er: beyd', euch hab ich lieb für allen.
Liebt Eintracht, und seyd stets durch Hülff und trewen Raht
Du seine Mutter, er dein Sohn an meine stat.
Dies sagt er einig, mehr kunt' er für Durst nicht sprechen,
Aus Ohnmacht müssen Stimm' und Worte gantz gebrechen.
O Grausamkeit! wenn man dem, welcher jetzt verbleicht,
Nur kaltes Wasser hätt' in seinem Durst gereicht.
Wo Trew und Frömmigkeit im Tod auch Danck gewinnet,
So hör was jetzund Trew und Frömmigkeit beginnet.
Er flucht aus Rachgier nicht auff seiner Feinde Schar,
Er fleht, daß nicht sein Tod setz' jemand in Gefahr.
Dieß, Vater, spricht er: sey ja keinem zugeschrieben,
Vnwissenheit hat mehr als Boßheit sie getrieben.
Da halten sie ihm Gall an einem langen Rohr,
Als er nach trincken schreyt, gantz unbarmhertzig vor.
Wie Gott nur dessen Schmack ein wenig nur empfunden,
Nun, spricht er: ist mein Leid und alles überwunden.
Er spricht es, schreyet und (was brichst du mir das Wort,
O Schmertz, ich schweige schon, nur noch ein wenig, fort!)
Er spricht es, schreyt und muß (befall mich stracks mit Leiden,
Nur sag dies eine noch, mein sag es, Schmertz!) verscheiden.


Huc me sidereo descendere jussit olympo etc.

Die Lieb' hat mich auff Erden
Aus dem Gestirn gebracht,
Sie heisst mich Blut-arm werden,
Sie hat mich Wund gemacht.

Sie kräncket mich im Hertzen,
Wer rahtet meiner Glut?
Nicht Creutz noch Todes-Schmertzen
Bezwingen ihren Muht.

Die Liebe lehrt mich tragen
Die spitze Dornen-Krohn',
Hat also mich zuschlagen,
Sie wircket diesen Hohn.

Ja daß ich Gall genossen
In meinem Durst, ein Speer
Die Seiten mir durchstossen,
Rührt bloß von Liebe her.

Sie kan mich einig zwingen,
Daß diese Nägel mir
Durch Händ und Füsse dringen,
Dies alles danck' ich ihr.

Für solche Trew und Schmertzen,
Mensch, wilst du danckbar seyn?
So liebe mich von Hertzen,
Ich wil nur Lieb' allein.

1651. 8. Hornung.