Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Ich sang vor vielen Jahren: von

Ich sang vor vielen Jahren:
Laß sterben, laß hinfahren
Was zeitig sterben kan,
Die Zeit ist so beschaffen,
Daß die, so selig schlaffen,
Erst wol sind umb und an.

Jetzt klagen meine Seiten
Gerechter als vorzeiten,
Nun uns die Fluth bezwingt,
Vnd an die Seele steiget,
Nun hie sich alles neiget
Vnd mit dem Tode ringt.

Sing' ich von jung erkalten?
Man möchte selig halten
Allein denselben schier,
Wie Posidippus schreibet,
Der ungesehen bleibet
Von aller Sonnen Zier.

Jetzt müssen wir bekennen,
Wie selig die zu nennen
So hie der Seuchen zwangk
Gebracht in ihre Kammer,
Sie hören keinen Jammer
Und keiner Waffen Klangk.

Ich sagte fast die Seinen,
So sterben, itzt beweinen
Sey Unbesonnenheit,
Ich muß für Freuden lachen
Seh' ich ein Grab wo machen,
So bös' ist diese Zeit.

Wir bawen an den Wällen,
Darauff wir Krieger stellen,
Der Feinde Wiederstand,
Wer suchet nicht zu wachen
Vnd schickt die besten Sachen
Wo in ein sicher Land?

Wann ich ein' Insul wüste
In die kein Feind hin müste,
Da Ruh wär' überall,
Wie gern würd ich ohn weinen
Hie lassen alle Meinen,
Zu fliehen für dem Fall.

Die Insul ist der Himmel,
Dahin kein Welt-getümmel
Kein Krieges-wetter reicht,
Dahin sich nichts als Leben
Vnd Vnschuld kan begeben,
Da aller Tod verbleicht,

Da aller Streit sich endet,
Daselbst ist angelendet,
Nun, Fraw, auch ewer Sohn,
Ist zu der Ruh gekommen
Vnd trägt sampt allen Frommen
Des Glaubens wehrten Lohn.

Wohnt in des Friedens-Hütten,
Wo keine Feinde wüten,
Dem Vater beygefügt,
Der in den guten Jahren
Bereit dahin gefahren
Vnd unbesorget liegt.

Gebt maß, Fraw, ewrem Leiden,
Mißgönnt ihm nicht die Freuden:
Vnd fährt er jung dahin,
Die Welt-Sirenen werden
Nicht mit dem Gifft der Erden
Entzünden seinen Sinn.

Das Vnglück dieser Zeiten,
Damit wir itzt noch streiten,
Wird nimmer ihn bestehn,
Er darff nicht ängstig schawen,
Wie wir für Furcht und Grawen
Nur nicht gar untergehn.

Vnd wann wir weinen wollen
So lasst uns, was wir sollen,
Beweinen unsre Schuld,
Nur diß kan Gott gewinnen,
Daß er mit Vater-Sinnen
Vns träget durch Gedult.

Es ist doch allerwegen
Allein an uns gelegen,
Wer sich zu Ihm bekehrt
Der wird der Noht entladen
Und endlich seiner Gnaden
Und aller Ruh gewehrt.