Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Erinnerung von

Erinnerung

Wo ist die Zeit, die goldene Zeit,
wo sind die süßen Stunden,
worin ich von der Eitelkeit
noch wenig Gram empfunden?
Ich war ein Kind, ich trieb mein Spiel,
das selbst der Unschuld wohl gefiel,
und durft an keinem Morgen
vor Kleid und Nahrung sorgen.

Von Fabeln bei der Rockenzunft
empfand ich mehr Vergnügen
als jetzt von Schlüssen der Vernunft,
in welchen Knoten liegen;
ja, wenn mir auf der Ofenbank
ein Lied vom deutschen Kriege klang,
so schien die alte Grete
mein künstlichster Poete.

Die Nachbarskinder ließen mir
die Ehre, sie zu lenken;
da spielt', und lacht' und sprungen wir
auf Rasen, Berg' und Bänken
was dieser hört und jener sah,
das in der großen Welt geschah,
das sucht auch ich mit vielen
im kleinen nachzuspielen.

Jetzt lern ich leider allzu früh
des Lebens Elend kennen;
es ist doch nichts als Wind und Müh',
wonach wir sehnlich rennen.
Es gaukeln Reichtum, Stand und Kunst,
die Wohllust macht nur blauen Dunst,
und was wir so begehren,
muß allzeit Reu' gebähren.

Mein eignes Kreuz ist überhaupt
ein Bündnis aller Schmerzen
und geht mir, weil es niemand glaubt,
empfindlich tief zu Herzen.
Ach, Himmel, mindre meine Qual!
Wo nicht, so laß mich doch einmal
nur eine Gunst erwerben
und mehre sie zum Sterben.