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Aus „Die Alpen" von

Aus „Die Alpen"

Sobald der rauhe Nord der Lüfte Reich verlieret
und in belebter Saft in alle Wesen dringt,
wann sich der Erde Schoß mit neuem Schmucke zieret,
den ihr ein holder West auf lauen Flügeln bringt:
so bald flieht auch das Volk aus den verhaßten Gründen,
woraus noch kaum der Schnee mit trüben Strömen fließt,
und eilt den Alpen zu, das erste Gras zu finden,
wo kaum noch durch das Eis der Kräuter Spitze sprießt.
Das Vieh verläßt den Stall und grüßt den Berg mit Freuden,
den Frühling und Natur zu seinem Nutzen kleiden.

Wann nun von Titans Glanz die Wiesen sich entzünden
und in dem falben Gras des Volkes Hoffnung reift,
so eilt der muntre Hirt nach den betauten Gründen,
eh noch Aurorens Gold der Berge Höh' durchstreift,
Aus ihrem holden Reich wird Flora nun verdränget,
den Schmuck der Erde fällt der Sense krummer Lauf,
ein lieblicher Geruch, aus Tausenden vermenget,
steigt aus der bunten Reih' gehäufter Kräuter auf;
der Ochsen schwerer Tritt führt ihre Winterspeise,
und ein frohlockend Lied begleitet ihre Reise.

Bald, wann der trübe Herbst die falben Blätter pflücket
und sich die kühle Luft in graue Nebel hüllt,
so wird der Erde Schoß mit neuer Zier geschmücket,
an Pracht und Blumen arm, mit Nutzen angefüllt;
des Frühlings Augenlust weicht größerem Vergnügen,
die Früchte funkeln da, wo vor die Blüte stund,
der Äpfel reiches Gold, durchstriemt mit Purpurzügen,
beugt den gestützten Ast und nähert sich dem Mund.
Der Birnen süß Geschlecht, die honigreiche Pflaume
reizt ihres Meisters Hand und wartet an dem Baume.

Zwar hier bekränzt der Herbst die Hügel nicht mit Reben,
man preßt kein gärend Naß gequetschten Beeren ab.
Die Erde hat zum Durst nur Brünnen hergegeben,
und kein gekünstelt Saur beschleunigt unser Grab.
Beglückte, klaget nicht! ihr wuchert im Verlieren;
kein nötiges Getränk, ein Gift verlieret ihr!
Die gütige Natur verbietet ihn den Tieren,
der Mensch allein trinkt Wein und wird dadurch ein Tier.
Für euch, o Selige! will das Verhängnis sorgen;
es hat zum Untergang den Weg euch selbst verborgen.

Allein es ist auch hier der Herbst nicht leer an Schätzen,
die List und Wachsamkeit auf hohen Bergen find't.
Eh sich der Himmel zeigt und sich die Nebel setzen,
schallt schon des Jägers Horn und weckt das Felsenkind.
Da setzt ein schüchtern Gems, beflügelt durch den Schrecken,
durch den entfernten Raum gespaltner Felsen fort;
dort eilt ein künstlich Blei nach schwer gehörnten Böcken,
hier flieht ein leichtes Reh, es schwankt und sinket dort.
Der Hunde lauter Kampf, des Erzes tödlich Knallen
tönt durch das krumme Tal und macht den Wald erschallen.

Wann aber sich die Welt in starren Frost begraben,
der Berge Täler Eis, die Spitzen Schnee bedeckt,
wann das erschöpfte Feld nun ruht für neue Gaben
und ein kristallner Damm der Flüsse Lauf versteckt:
Dann zieht sich auch der Hirt in die beschneiten Hütten,
wo fetter Fichten Dampf die dürren Balken schwärzt;
hier zahlt die süße Ruh' die Müh', die er erlitten,
der sorgenlose Tag wird müßig durchgescherzt,
und wenn die Nachbarn sich zu seinem Herde setzen,
so weiß ihr klug Gespräch auch Weise zu ergetzen. -