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Das Spinett von

Das Spinett

Liebe kann nicht sterben, die ein Leben lang
zwei getrennte Herzen zu einander zwang.
Mag der Leib vergehen, sei bleibt immerdar,
die so unermessen süß und bitter war. — —

Zu Blois im Schlosse, im blauen Kabinett,
steht auf schlanken Füßen zärtlich ein Spinett,
inkrustiert mit goldnen Lilien und Türkis
und signiert mit „Roma – Tonio Nobilis".

Wenn der Vollmond silbern scheint in das Gemach,
wird verklungnes Leben heimlich wieder wach,
öffnet sich die Türe einen schmalen Spalt:
aus dem Schatten löst sich eine Spukgestalt.

Schwarz sind noch die Haare, schwarz ist das Gewand,
wie er's stets getragen, seit sie ihm entschwand:
so tritt König Heinrich zu dem Instrument.
In erloschnen Augen neu die Flamme brennt.

Schmale Finger gleiten leise prüfend nur
über schmale Tasten der Klaviatur.
Wenn das zarte Schwirren durch die Kammer zieht,
singen blasse Lippen wiederum das Lied,

das er oft gesungen, seit das Schicksal sie
jäh von ihm gerissen: Adelheid Marie!
„Un jour dan une chasse ..." hebt die Weise an,
die er zu den Klängen des Spinetts ersann:

„Als ich dich erblickte fern auf jener Jagd,
Herzogin von Kleve, adelige Magd,
war's, als ob ein Engel zu mir niederstieg,
daß ich wie ein Knabe glückbeklommen schwieg. — —

Dürfte ich noch einmal so sie wiedersehn
— sollte auch mein ganzes Königreich vergehn! —
Bliebe in der Hütte sie mir zärtlich nah!
Könnte mir geschehen, was mir da geschah!

Ach, mein Sehnen folgt' ihr über Tal und Au,
als sie von mir mußte — eines andern Frau!
Ferne ist erloschen ihres Herzens Schlag,
mir blieb bittres Leiden bis zum letzten Tag."
Traurig ist die Weise. Des Spinettes Klang
schwebt mit Harfentönen über dem Gesang.
Wie ein dumpfes Echo aus dem Geisterreich
tönt's nach jeder Strophe aus dem Munde bleich:

J'ay perdu celle pour guy j'avois tant d'amour.
Elle, si belle, avoit pour moy chaque jour
Faveur nouvelle et nouveau d'esir:
Ah ouy! sans elle il me faut mourir."


Da die letzten Klänge in der Nacht verwehn,
hört man dumpf ein Rollen übers Pflaster gehn.
Eine Staatskarosse fährt im Hofe vor,
leise klingt ein Klopfen an des Schlosses Tor.

Sieh, des Mondes Schimmer zittert silberblau:
An der Türe zeigt sich eine hohe Frau,
und auf leisen Sohlen gleitet sie herein,
um, wie einst im Glücke, nah bei ihm zu sein.

Wange liegt an Wange, Hand schmiegt sich in Hand.
Ach, wie klingt die Stimme süß und wohlbekannt:
„Als mein Herz gebrochen, tat ich einen Eid,
ewig dein zu bleiben über Tod und Zeit!"

Zärtlich leises Flüstern. — Weh, das Mondeslicht
wandert immer weiter, und sie merken's nicht.
Tiefer drohn die Schatten. Mit dem letzten Strahl
wird es still im Zimmer, endet Lust und Qual.

Traurig und verlassen liegt das Kabinett.
Nur ein leises Schwirren klingt noch im Spinett. — —
Liebe kann nicht sterben, die so wunderbar,
die so unermessen süß und bitter war.