Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Manana von

Manana

An dem schweren Eichentische
in der kühlen Rebenlaube
sitzt der trefflichste der Helden,
Don Esteban Marcial.
Vor ihn steht in irdnem Kruge
neuer Wein von Orvieto,
saurer Landwein ? doch den Becher
leert er stets bis auf den Grund.
Und schon fühlt er neue Kräfte
und er schwört sich: ?Santa Madre,
San Jago de Compostela,
morgen wird es besser sein!"

Morgen trinkt er Alicante,
duftend wie ein Blumengarten,
süß wie Paradieseshonig,
von dem reichen Rittergut,
das sein Ahne, der Hidalgo,
einst besessen ? die Papiere,
die verlornen, wird er finden,
pochen auf sein altes Recht.
Und die Widersache alle,
diese Wuchrer, die das Erbteil
schnöde der Familie raubten,
morgen noch belangt er sie.

Morgen wird sein Recht ihm werden
statt der Lumpen, die abscheulich
seines Leibes Pracht entstellen,
trägt er seidnes Festgewand.
Und nicht kläglich auf dem mulo,
der von Altersschwäche lahm geht,
nein, auf edlem Kastilianer
reitet er zu Hofe hin.
Und beim glänzenden Turniere
und beim leichten Ringelstechen
holt er vom Balkon der Damen
morgen sich den Ehrenpreis.
Lächeln wird ihm die Infantin,
lächeln jene Senorita,
nicht die garst'ge alte Vettel,
die ihm jetzt die Wirtschaft führt.
Morgen zieht er aus zum Kampfe,
schwingt er die Toledoklinge
und bezwingt den Maurenfürsten,
der das Königreich bedroht.
Jubelnd wird das Volk ihn ehren,
preisen wird man seinen Namen
in Austurien und Castilien:
?Heil Esteban!" ruft man laut.

Morgen schon vielleicht erscheint er
auch als Held bei der Corrida,
und den Kampfstier aus Galizien
fordert er als Matador.
Fliehen dann die Picadores,
springen die Banderilleros,
ruft die Menge: ?Bravo toro!"
er erlegt das stolze Tier!
Welch ein Taumel in den Rängen:
Hüte fliegen, Fächer schwirren,
Blumen regnen auf ihn nieder ?
Ehre dem Toreador!

Und beim Festmahl wird er schmausen,
beim Bankette, das der König
für die Granden von Castilien,
für den Sieger geben wird.
Nie mehr wird er Schuhe flicken,
nie sich mehr vor Bürgern bücken.
Seine Diener werden fliegen,
fragen nach dem Wunsch des Herrn.
Kosten wird er jene edle
göttlich wundervolle Faulheit,
die das Erbteil seines Landes,
die den freien Spanier ehrt.

Doch vor allem stellt er morge
ihn zum Zweikampf, jenen Sancho,
der, ein „Weinfaß" ihn zu schelten,
heute sich so frech vermaß.
Morgen wird er mit ihm fechten,
leicht, geschmeidig, Vor- und Rücksprung
und die Finte von Sevilla:
Ausfall, Deckung, Contrastoß! —
Weh nur, daß er aus der Übung
und daß leider er — Caramba! —
noch so ungeheuer dicklich,
daß er drei Quintales wiegt.