Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Pein der Liebe von

Pein der Liebe

1635.

Ist dieses nun das süße Wesen,
nach dem mich so verlanget hat?
Ist dieses der gesunde Rat,
ohn' den ich kunte nicht genesen?
Und ist diß meines Wehmuts Frucht,
die ich so emsig aufgesucht?

O Feind, o Falscher, o Tyranne,
Kupido, das ist deine List!
Der bist du, der du allzeit bist.
Du hast mich nun in deinem Banne.
Der Dienst der falschen Ledigkeit
hat meiner Freiheit mich entfreit.

Wie unverwirrt ist doch ein Herze,
das nicht mehr als sich selbsten kennt,
von keiner fremden Flamme brennt,
selbst seine Lust und selbst sein Schmerze!
Seit daß ich nicht mehr meine bin,
so ist mein ganzes Glücke hin.

Sie, diß Mensch, diese Halbgöttinne,
sie, die ists, mein erfreutes Leid,
die Kraft der starken Trefligkeit,
treibt mich aus mir und meinem Sinne,
so daß ich sonst nichts um und an
als sie nur achten muß und kan.

Ich schlaf', ich träume bei dem Wachen,
ich ruh' und habe keine Ruh'',
ich tu' und weiß nicht, was ich tu',
ich weine mitten in dem Lachen,
ich denk', ich mache diß und das,
ich schweig', ich red' und weiß nicht was.

Die Sonne scheint für mich nicht helle,
mich kühlt die Glut, mich brennt das Eis,
ich weiß und weiß nicht, was ich weiß.
Die Nacht tritt an des Tages Stelle.
Itzt bin ich dort, itzt da, itzt hier,
ich folg' und fliehe selbst für mir.

Bald billig' ich mir meinen Handel,
bald drauf verklag' ich mich bei mir.
Ich bin verändert für und für
und standhaft nur in stetem Wandel.
Ich selbst bin mit mir selbst nicht eins.
Bald will ich alles, bald gar keins.

Wie wird mirs doch noch endlich gehen?
Ich wohne nunmehr nicht in mir.
Mein Schein nur ist es, den ihr hier
in meinem Bilde sehet stehen.
Ich bin nun nicht mehr selber Ich.
Ach Liebe, worzu bringst du mich!