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Deutscher Zug nach fremdem Land von

Deutscher Zug nach fremdem Land

(Aus: Julian)

Wenn Wald und Heide junges Grün gewinnen,
Das Veilchen schüchtern aus dem Grase sieht,
Die Wolken segeln und die Bäche rinnen,
Und hoch der wilde Schwan im Blauen zieht:
Da wacht dem Deutschen im Gemüt und Sinnen
Alljährlich auf der alten Sehnsucht Lied,
Ein leis' Erinnern fühlt er in ihm wogen,
Daß einst sein Stamm von fern ins Land gezogen.

Und wieder möcht' er wandern, schweifen wieder
Nach traumverheißnem Glück auf fernen Au'n,
Bald nordwärts, wo umschwärmt vom Seegefieder
Aufs Meer basalt'ne Pfeilergrotten schaun,
Gen Mittag nun, wo sanft ins Tal hernieder
Um Lorbeerwipfel sonn'ge Lüfte blaun,
Und übers Grab uralter Heldenzeiten
Den blühnden Teppich Ros' und Rebe breiten.

Das zog den Angelsachsen übers Meer,
Das ließ, ob blutig auch um solch Gelüsten
In welsche Grüfte sank manch deutsches Heer,
Stets neuen Römerzug die Kaiser rüsten;
Das trieb mit blanker War' und blankrer Wehr
Der Hansa segelnd Volk zu Livlands Küsten;
Das läßt noch heut, wo dumpf die Stämme fallen,
Im Urwaldrauschen deutschen Gruß erschallen.

Die Fremde lockt uns all. Und wem ans Haus
Der Fuß gebannt, der schickt auf luft'ger Schwinge
Den Wolkenpilger, den Gedanken, aus,
Daß forschend er, was draußen liegt, durchdringe.
So zieht noch heut erobernd fern hinaus
Der deutsche Geist, im weitgezognen Ringe
Sich an des fernsten Auslands Wundergaben
Vertraut und allempfänglich zu erlaben.

Zu teil ward uns die echoreiche Brust
Vor allen Völkern. Hell, wohin wir schritten,
Klang's in uns nach. Des Griechen Schönheitslust,
Des Römers Hochsinn, den Humor des Briten,
Des Spaniers Andachtsglut und Ehrenblust,
Des Franzmanns Witz und leichtgefäll'ge Sitten,
Des Patriarchen Glück, der in den Landen
Des Aufgangs schweift ? wer hat's wie wir verstanden?

Das Leben aller Weltgeschlechter schlossen
In unsres wir. Wir haben kühngemut
Den fremden Geist in deutsch Gefäß ergossen,
Die fremde Form durchströmt mit deutschem Blut.
Da ward, im Ringen tiefer nur genossen,
Zum Eigentum uns das entlehnte Gut.
So ist der Berg auch dieses Liedes hier
Des Südens Kind, und doch gehört er mir.