Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Granada von

Granada

Die Sonne sinkt; mit dunkelroten Wogen
Wallt noch das Spätrot durch die Fensterbogen,
Indes schon Dämmrung auf der Vega ruht;
Vergoldet glühn Granadas Tempelspitzen,
Und die Nevada wirft in Purpurblitzen
Ins Tal zurück die Abendglut.

Dann bleicht der Glanz, so wie auf Wangen Blässe
Der Röte folgt; der Schatten der Zypresse
Dehnt länger sich, bis er in Nacht zerbricht;
Durch duft'ge Wölkchen, die am Himmel schwimmen,
Dringt, wie ein Liebesblick, mit sanftem Glimmen
Des Abendsternes Silberlicht.

Schon seh' ich, wie die Fluren mählich dunkeln,
Von unten hier und da ein Lämpchen funkeln,
Das vor dem Bild der Mutter Gottes brennt,
Und weiter, in den Häusern und Kapellen
Die Lichter zündend, sich die Stadt erhellen,
Wie über ihr das Firmament.

Zur Ruhe unter ihren Blütensäften
Streckt sich Granada hin, indes aus Westen
Sich tiefrer Schatten um die Erde schlingt;
Und sanft, wie sie entschläft beim Sternenglanze,
Verklingt in ihre Träume die Romanze,
Die am Balkon der Ritter singt.