Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Wassersnot von

Wassersnot

Es fliehen die Möwen in Schwärmen zum Land,
Es hat sich der Wind nach Nordwesten gewandt.

Stürmt es noch stärker, dann geht es nicht gut,
Neumond im Kalender und — bald wird es Flut.

Ha! sehet, schon naht sie, zu früh setzt sie ein,,
Nun mag der Almächtige gnädig uns sein!

O Gott! wie sie rollt, wie sie schwillt und sich streckt,
Schon hat sie das grünende Vorland bedeckt,

Und jetzt, jetzt erreicht sie des Deiches Fuß
Und sendet hinüber den schäumenden Gruß.

Es brechen die Wogen sich donnernd am Deich:
Sie wollen zurück in ihr altes Reich,

Daraus sie so siegreich verdrängt und verbannt,
Zurück in das prächtige Marschenland.

Sie spritzen voll Wut ihren Schaum hinein,
Fahl blitzt es am Himmel wie Wetterschein,

Und plötzlich — und jegliche Wange wird bleich:
„Hilf, heiliger Gott! Dort will brechen der Deich!

Wie wühlt es, wie spült es! Auf! Alle herbei!
Und helft und legt Hand an und laßt das Geschrei!

Schafft Bretter zur Stelle und Balken schwer
Und das Reisigbund und den Sandsack her,

Und fehlt's dran, was tut's, mit dem eigenen Leib
Werft euch hinauf, es gilt Kind ja und Weib!

O Jesus, zu spät! Da schießt sie hervor,
Die schaumige Flut, aus dem klaffenden Tor.

So flieht denn und bergt euer Weib, euer Kind,
MIt der besten Habe aufs Dach geschwind;

Die Herde, die mögt ihr den Wogen geben,
Rettet nur, rettet das eigne Leben!"

Allmächtiger Himmel, so hab doch Erbarmen! —
Da bricht auch das Haus schon. Ja, Wehe euch Armen!