Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Großmütterchen von

Großmütterchen

Großmutter darf man alles klagen,
Großmütterchen hat stets Geduld:
Was man Mama kaum wagt zu sagen,
Ihr beichtet man geheimste Schuld.
Und Märchen weiß sie auszudichten,
Zum Gruseln, zum Entzücken schier!
Was sind uns Lederstrumpfs Geschichten,
Was Grimm, was Bechstein — neben ihr!

Staatskleidchen schenkt sie, goldne Schuhe —
Sie ist gewiß entsetzlich reich:
Ganz unerschöpflich scheint die Truhe,
Und fast dem Schatz im Märchen gleich.
Die blanksten Püppchen, schönsten Pferde
Bringt sie und achtet kaum des Danks,
Und allen Wohlgeschmack der Erde
Birgt sie im Eckchen ihres Schranks.

Hat Mütterchen den Lärm verboten,
So flüchtet man in ihr Gemach;
Sie sieht den kleinen Hausdespoten
Die tollsten Streiche lächelnd nach.
Wollt' gar zu schwach sie euch erscheinen,
Denkt: Liebe macht sie doppelt blind:
Sie liebt der Mutter gleich die Kleinen,
Und liebt die Tochter noch im Kind.