Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Nach dem ersten nächtlichen Besuche von

Nach dem ersten nächtlichen Besuche

Bin ich nüchtern, bin ich trunken?
Wach' ich, oder träum' ich nur?
Bin ich aus der Welt gesunken?
Bin ich anderer Natur?
Fühlt' ein Mädchen schon so was?
Wie begreif' ich alles das?
Weiß ich, daß die Rosen blühen?
Hör' ich jene Raben schrein?
Fühl' ich, wie die Wangen glühen?
Schmeck' ich einen Tropfen Wein?
Seh' ich dieses Morgenroth? -
Todt sind alle Sinnen, todt!
Alle seyd ihr denn gestillet?
Alle? Habet alle Dank!
Könnt' ich so in mich gehüllet,
Ohne Speis' und ohne Trank,
Nur so sitzen Tag für Tag
Bis zum letzten Herzensschlag'.
In die Nacht der Freude fliehet
Meine Seele wieder hin!
Hört und schmeckt, und fühlt und siehet
Mit dem feinen innren Sinn'!
O Gedächtniß! schon in dir
Liegt ein ganzer Himmel mir!
Worte, wie sie abgerissen
Kaum ein Seufzer von ihm stieß,
Hör' ich wieder, fühl' ihn küssen:
Welche Sprache sagt, wie süß?
Seh' ein Thränchen - Komm herab!
Meine Lippe küßt dich ab!
Wie ich noch so vor ihm stehe,
Immer spreche: Gute Nacht!
Bald ihn stockend wieder flehe:
Bleibe, bis der Hahn erwacht!
Wie mein Fuß bei jedem Schritt'
Wanket, und mein Liebster mit!
Wie ich nun, an seine Seite
Festgeklammert, küssend ihn
Durch den Garten hin begleite!
Bald uns halten, bald uns ziehn!
Wie da Mond und Sterne stehn,
Unserm Abschied' zuzusehn.
Ach da sind wir an der Thüre!
Bebend hält er in der Hand
Schon den Schlüssel. - Wart', ich spüre
Jemand gehen, Amarant!
Warte nur das Bischen doch!
Einen Kuß zum Abschied' noch!
Ich verliere, ich verliere
Mich in diesem Labyrinth'!
Traumt' ich je, daß ich erführe,
Was für Freuden, Freuden sind?
Wenn die Freude tödten kann,
Triffst du nie mich wieder an.