Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Wilhelm Tell von

vgl. Wunderhorn

Wilhelm Tell

Wilhelm bin ich der Telle
von heldes mut und blut;
Mit meinem gschoß und pfeile
hab ich die freiheit gut
Dem vaterland erworben,
vertreiben tyrannei;
ein festen bund geschworen
han unser gsellen drei.

Uri, Schwyz, Unterwalden
gefreiet von dem rich,
litten groß zwang und gwalte
von vögten unbillig;
Kein landmann dörft nicht sprechen:
„das ist mein eigen gut!"
man nam im also freche
die ochsen von dem pflug.

Dem, der sich wolte rächen
Und stellen in die wer,
Tet man die augen ausstechen,
nun höret bosheit mer:
Zu Altdorf bei der linden
der vogt steckt auf sein hut;
er sprach: „ich will den finden,
der dem kein er antut."

Das hat mich verursachet
daß ich mein leben wagt;
Den jammer ich betrachtet,
des landmanns schwere klag:
Viel lieber wolt ich sterben,
denn lebn in solcher schand;
dem Vaterland erwerben
wolt ich den freien stand.

Den Filz wolt ich nicht eren,
Den aufgesteckten hut,
Verdrosse den Zwingherren
In seinem übermut;
Er faßt ein anschlag eitel,
daß ich mußt schießen gschwind
ein apfel von dem scheitel
meim allerliebsten kind.

Ich bat gott um sein güte
und spannet auf mit schmerz,
Vor angst und zwang mir blutet
mein väterliches herz;
Den pfeil konnt ich wohl setzten,
bewaret war der knab,
ich schoß im unverletzet
vom haupt den apfel ab.

Auf gott stand all mein hoffen,
der leitet meinen pfeil;
Doch hätt ich mein kind troffen,
ich hätt fürwar in eil
Den bogen wider gespannen
und troffen an den ort
den gottlosen tyrannen,
zu rächen solchen mord.

Das merkt, fromme eidgossen!
gedenket oft daran:
Das blut für euch vergossen
laßt uns zu herzen gan!
Die freiheit tut euch zieren,
darum gebt gott die er,
soltet ir die verlieren,
sie wurd euch nimmermer.

Mit mü ist wol gepflanzet
mit eurer väter blut;
Freiheit, den edlen kranze,
den haltet wol in hut!
Man wird euch den abstechen
besorg zur selben zeit,
wann trew und glaub wird brechen
der eigenutz und geit.

Mir ist, ich gsehe kommen
so manchen herren stolz,
Bringen in großen summen
des gelds und roten golds,
Damit euch abzumarken
zu kaufen eure kind,
die noch kein wort nicht sprechen
und in der wiegen sind.

Ich tu euch dessen warnen,
weil warnung noch hat platz:
Gespannt sind euch die garne,
die hund sind auf der hatz;
Gedenkt an meine trewe!
kein Tell komt nimmermer;
euch wird kein freunde neue
geben kein besser ler.

Tut euch zusammenhalten
in frid und einigkeit!
Als eure frommen alten
betrachtet bund und eid!
Laßt euch das Geld nicht müßen,
die gaben machen blind,
daß ir nicht müsset büßen
und dienen zletzt dem fiend.

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