Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Aus den Nibelungen von

Aus den Nibelungen
von Friedrich Hebbel

Die Nibelungen an Etzels und Kriemhilds Hof.
Hagen und Volker halten Wacht.


Volker Was meinst du?

Hagen Nimmer wird's mit Etzels Willen
Geschehen, daß man uns die Treue bricht,
Denn er ist stolz auf seine Redlichkeit,
Er freut sich, daß er endlich schwören kann,
Und füttert sein Gewissen um so besser,
Als er's so viele Jahre hungern ließ.
Doch sicher ist der Boden nicht, er dröhnt,
Wohin man tritt und dieser Geiger ist
Der Maulwurf, der ihn heimlich unterwühlt.

Volker O, der ist falsch, wie's erste Eis! ? Auch wollen
Wir überall des zahmen Wolf's gedenken,
Der plötzlich unterm Lecken wieder beißt.
Was nicht im Blut liegt, hält nicht vor. Doch sieh',
Wer schiebt sich da mit seinem weißen Haar
So wunderlich vorbei?

Eckewart Schreitet langsam vorüber, wie einer der in Gedanken mit sich selbst redet.
Seine Gebärden in Einklang mit Volkers Schilderung.)


Hagen (ruft) Ei, Eckewart!

Volker Er raunt, er murmelt etwas in die Lüfte
Und stellt sich an, als säh er uns nicht,
Ich will ihm folgen, denn er rechnet d'rauf.

Hagen Pfui, Volker, ziemt es sich für uns, zu lauschen?
Schlag an den Schild und klirre mit dem Schwert!
(Er rasselt mit seinen Waffen.)

Volker Jetzt macht er Zeichen.

Hagen Nun, so kehr' dich um. (Sie tun es; sehr laut.)
Wer was zu melden hat, der meld' es dort,
Wo man es noch nicht weiß.

Volker Das ist ?

Hagen Schweig' still,
Willst du dem Heunenkönig Schmach ersparen?
Er sehe selbst zu. (Eckewart schüttelt den Kopf und verschwindet.)

Volker Das ist mir zu kraus!

Hagen (faßt ihn unter den Arm).
Mein Freund, wir sind auf deinem Totenschiff,
Von allen zweiunddreißig Winden dient
Uns keiner mehr, ringsum die wilde See,
Und über uns die rote Wetterwolke.
Was kümmert's dich, ob dich der Hai verschlingt,
Ob dich der Blitz erschlägt? Das gilt ja gleich,
Und etwas Bess'res sagt dir kein Prophet!
D'rum stopfe dir die Ohren zu, wie ich,
Und laß dein innerstes Gelüsten los,
Das ist der Totgeweihten letztes Recht.


* * *


Die Könige treten auf mit Rüdeger.

Gunther Ihr schöpft noch frische Luft?

Hagen Ich will einmal
Die Lerche wieder hören.

Giselher Die erwacht
Erst mit der Morgenröte.

Hagen Bis dahin
Jag' ich die Eule und die Fledermaus.

Gunther Ihr wollt die ganze Nacht nicht schlafen gehn?

Hagen Nein, wenn uns nicht Herr Rüdeger entkleidet.

Rüdeger Bewahr' mich Gott!

Giselher Dann wache ich mit euch.

Hagen Nicht doch! Wir sind genug und steh'n euch gut,
Für jeden Tropfen Bluts, bis auf den einen,
Von dem die Mücke lebt.

Gerenot So glaubst du ?

Hagen Nichts!
Es ist nur, daß ich gleich zu finden bin,
Wenn man nicht sucht. Nun kriecht in euer Bett,
Wie's Zechern ziemt.

Gunther Ihr ruft?

Hagen Seid unbesorgt,
Es wird euch keiner rufen, als der Hahn.

Gunther Dann gute Nacht!

(Ab in den Saal mit den andern.)


* * *


Hagen (ihm nach) Und merk' dir deinen Traum,
Wie's deine Mutter bei der Abfahrt tat!
Wir passen auf, daß er sich nicht erfüllt,
Bevor du ihn erzählen kannst! ? Der ahnt
Noch immer nichts.

Volker Doch! Er ist nur zu stolz,
Es zu bekennen.

Hagen Nun, er wär' auch blind,
Wenn er's nicht sähe, wie sich die Gesichter
Um uns verdunkeln, und die besten eben
Am meisten. (Viele Heunen sind zurückgekehrt.)

Volker Schau!

Hagen Da hast du das Geheimnis
Des Alten! Doch ich hatt' es wohl gedacht! ?
Komm, setz' dich nieder! Mit dem Rücken so!
(Sie setzen sich, den Heunen ihre Rücken wendend.)
Fängt's hinter dir zu trippeln, an so huste,
Dann wirst du's laufen hören, denn sie werden
Als Mäuse kommen und als Ratten geh'n!


* * *


Kriemhild erscheint mit Werbel oben auf der Stiege.

Werbel Siehst du! Dort sitzen sie!

Kriemhild Die seh'n nicht aus,
Als wollten sie zu Bett!

Werbel Und wenn ich winke,
Stürzt meine ganze Schar heran.

Kriemhild Wie groß
Ist die?

Werbel An Tausend.

Kriemhild (macht gegen die Heunen eine ängstlich zurückweisende Bewegung).

Werbel Was bedeutet das?

Kriemhild Geh', daß sie sich nicht regen.

Werbel Tun die Deinen
Dir plötzlich wieder leid?

Kriemhild Du blöder Tor,
Die klatscht der Tronjer dir allein zusammen,
Indes der Spielmann seine Fiedel streicht.
Du kennst die Nibelungen nicht! Hinab!

(Beide verschwinden.)

Volker (springt auf)
So geht's nicht mehr! (Geigt eine lustige Melodie.)

Hagen (schlägt ihm auf die Fiedel) Nein, das vom Totenschiff!
Das Letzte, wie der Freund den Freund ersticht,
Und dann die Fackel ? Das geht morgen los.