Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Treue Liebe von

Treue Lieb

Es stet ein lin in jenem tal
ist oben breit und unten schmal,
darauf da sitz frau Nachtigal
und andre vöglein vor dem wald.

?Sing an, sing an, frau Nachtigal,
du kleines Waldvöglein vor dem wald!
Sing an, sing an, du schöns mein lieb!
wir beide müssen uns scheiden hie.?

Er nam sein rößlein bei dem zaum,
er fürts wol unter den lindenbaum,
sie half im in den sattel so tief:
?wann komst herwider, du schöns mein lieb?"

?Wann es get gegen den sommer,
will ich herwider komen;
wann alle beumlein tragen laub,
so schau auf mich, du schöne jungfrau!?

?Wen jetzstu mir zu einem bürgen?"
?den heilgen ritter sant Jörgen;
so trau ich meinem bürgen wol,
daß ich bald wider komen sol.?

?Es get wol gegen den sommer,
mein feins lieb wil nicht komen!"
Sie gieng spazieren vor dem holz,
begegnet ir ein ritter stolz.

?Gott grüß euch, jungfrau reine!
was macht ir hie alleine?
Ist euch eur vater und mutter so gram,
oder habt ir heimlich einen man??

?Vater und mutter ist mir nicht gram,
heimlich hab ich wol einen man;
dort unter der linden also breit,
da schwur er mir ein hohen eid."

?Hat er euch einen eid geschworen,
wann habt ir in verloren??
?So ist es heut ein ganzes jar,
daß ich mein lieb verloren hab."

?Was wolt ir im entbieten?
ich kom erst von im geritten,
so ist es doch heut der neunte tag,
daß man im ein fungfreulin hab.?

?Hat man im ein jungfreulin gebn,
so wil ich beweinen mein junges lebn,
weil er mir nicht kan werden zu teil,
so wünsch ich im viel glück und heil.

Und kan er mir nicht werden
der liebst auf dieser erden
So wil ich mir brechen meinen mut,
gleich wie das turtelteublein tut.

Es setzt sich auf ein dürren ast,
das irret weder laub noch gras
und meidet das brünnlein küle,
und trinket das wasser trübe."

Was zog er ab der hende sein?
von rotem gold ein vingerlein:
?Sehnd hin, schön jungfrau, das solt ir haben,
eur feins lieb solt ir nicht lenger klagen.?

Sie warf den ring wol in ir schoß,
mit heißen tränen sie in begoß,
sie sprach: ?den ring wil ich nicht haben,
mein feins lieb wil ich lenger klagen."

Da zog er ab sein seiden hut,
erst kennet in die jungfrau gut:
?Bis gottwillkomm, du schöns mein lieb!
wie lang ließt mich in trauren hie?"

?Da tet ich dich versuchen,
ob du mir tetest fluchen,
und hättest mir ein fluch getan,
so wär ich geritten wieder darvon.

Da du mir nicht tetst fluchen,
da erfreut sich mein gemute,
du machst mein herz ganz freuden vol,
du erfreust mich, daß ich dich haben sol.?