Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Waldvögleins Bitte von

Waldvögleins Bitte

Es flog ein klein waldvögelein
der lieben fürs fensterlein,
es klopfet also leise
mit seinem goldschnäbelein:
?Stand auf, herzlieb, und laß mich ein!
ich bin so lang geflogen
wol durch den willen dein."

?Bist du so lang geflogen
wol durch den willen mein:
Komb heint um halber mitternacht,
so wil ich dich lassen ein.
Ich wil dich decken also warm,
ich wil dich freundlich schließen
an mein schneweiße arm."

Und das erhört ein wechter,
der an der zinnen stund:
??Ich meint, du werst ein jungfraw rein;
so hastu gelassen ein,
so hastu eingelassen
den reuter auf freier strassen,
den allerliebsten dein.?"

?So schweig, gut wechter, stille,
es gilt dir ein news gewandt
von rotem gold ein fingerlein
an dein schneweiße hand,
Von Silber auch ein halsband.
hilf reicher Christ vom himmel,
wie ist der tag so lang!"

16. Jahrhundert