Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Entsetzlich von

Entsetzlich

Eine Ballade in zwei Teilen von Mir.

Erster Teil



Es sitzt die Gräfin auf der Zinne ihrer Burgen,
Das Angesicht umflort von Kummer und von Surgen.

Halb welk ist schon die jugendliche Holde;
So schaut sie tief hinab auf das Gefolde.



Da blühet alles in des Frühlings Prangen,
Und Jubel tönet von der Vöglein Zangen.

Die Rosen duften und die Nelken sprossen,
Und Philomele flötet aus Cyprossen.

Die Lerchen schmettern und die Käfer summen;
Da klagt die Gräfin: ?Wann wird er wohl kummen?"

?Ob mich ein Dämon seiner wohl beraubet?
?Wo säumt der Mann, den meine Seele laubet?



?Ist er mir jetzt schon gram: will er mir trotzen?
?Daß er mich läßt auf dieser Zinne sotzen?

?Bricht er die Treue, die er mir geschworen,
?Bricht er die Treue schon nach dritthalb Johren?

?Hab ich's verschuldet, daß er meiner spottet?
?War mein Geschick mit seinem nicht verkottet?



So klagt die Gräfin, und ihr Aug', ihr schwarzes,
Es rinnt im Uebermaß des tiefsten Schwarzes.

Ihr Wort erstickt im bittersten Geschluchze;
Und in Verzweiflung faßt sie eine Buchse,



Sie spannt den Hahn ? von Satanas verlocket ?
Drückt los und ? ach! ? schon liegt sie hingestrocket.

Sie liegt entseelt, durchschossen auf dem Boden!
Und neben ihr die Waffe, die sie selbst geloden.

Zweiter Teil

Kaum aber hat ihr Leben sie verloren,
Sieht man auf's Schloß zu einen Ritter galopporen.



Schon ist er da; schon springt er von dem Rappen
Und eilt hinauf die langen Wendeltrappen.



Schon ist er auf der Zinne, ach! und sieht mit Schrecken
Die starre Leiche vor den starren Blecken.

Da stampft er wild den Boden mit den Stiefeln
Und ruft: ?warum, o Gräfin, mußtest du verzwiefeln?



?Warum konnt'st du, o Holdeste der Holden,
?Dich nicht noch einen Augenblick gedolden?

?Und muß ich dich als blut'ge Leiche schauen,
?Was soll ich jetzt in dieser Welt noch tauen?

Er spricht's; es funkeln seine wilden Augen,
Und aus der Scheide zieht er seinen Daugen.

Und schwingt ihn keck, und mit dem grimmsten Trotze
Stößt er sich in die Brust die scharfe Spotze.



Er sinket um mit einem Schmerzenslaute,
Und schon liegt er entpsych't in seinem Blaute.



Mit Schrecken sieht man bald vom Zinnengatter
Den Leichnam von der Gräfin und dem Ratter.

Nutzanwendung:

Der Uebereilung kann nichts Gutes nicht entwachsen;
O hüte dich vor Degen, Dolch und Bachsen!

Und wisse, daß sein Grab sich selber schaufelt,
Wer an dem eigenen Geschick verzwaufelt.