Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Über dem Moore von

Über dem Moore

Ein Heidemoor, fahl wie der Tod,
Riedgras auf dürftgem Schollensod,
ein stockendes Wagengeleise,
so jäh in Glut und Staub verweht,
als spräch es: Wandrer, wohin geht
dereinst die letzte Reise?

Die Reise geht, soweit sie mag,
sie führt in den flimmernden Hochmittag.
Es standen am Horizonte
zwei Birkenstämmchen schwach und weiß,
darüber die Sonne so jach, so heiß
sie stechen konnte.

Versunken ist das letzte Dorf,
hoch über einer Stapel Torf
kreist, goldig, ein Schwarm von Immen.
Vom Hügelsaume dürr bestockt
der schwefelgelbe Ginster flockt,
fernher verschollene Stimmen.

Ein Kiebitzruf die Luft durchschrillt,
weit hinterm Knick ein Bauer schilt
auf seine trägen Pferde:
er bessert Zaun und Sattelgurt,
dann schält sein Pflug zur Neugeburt
den Schorf der Erde.

Aus einer Furche spähte klar
von Reinekes Stamm ein Ehepaar,
nach Mücken schnappten beide.
Die Füchsin trug ein rotes Kleid,
das leuchtete durch die Einsamkeit
der Heide.

Die Sonne sank verglühend, fern,
sacht stieg der große Venusstern,
vom Dorf begann zu klingen
der Ton der Ziehharmonika,
ein zitternd dünnes Gloria,
die Freude der Geringen.

Der Dächerrauch spann seinen Flor,
Gutnachtruf scholl von Tor zu Tor,
der Vollmond schug die Brücke
vom Lebenskampf zur Feierzeit,
den Weg, der strahlend prophezeit
von ewgem Ernteglücke.