Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Görgeliana von

Görgeliana

Vorbericht

Diese Görgeliana schreiben sich von Görgeln her, und Görgel ist eigentlich ein alter lahmer Invalide, der sich in seinen alten Tagen noch auf die Feder applizierte, und würklich der Verfasser einer gewissen Druckschrift ward, die als disjecti membra poetae ins Publikum herausging. Ich war mit ihm bekannt worden, und wie's unter den Gelehrten ist, daß sie einander aushelfen, so half ich ihm, wenn er keine Zeit oder Reißen im Bein hatte, nach meiner Wenigkeit auch aus, wie zum Teil folget, nicht ohne seine Erlaubnis.
Weiter wüßte ich nichts vorzuberichten, etwa noch daß die Tanne ein Wald von Tannen ist, etliche Stunden groß, darin sich's im Jahr 1777 recht gut spazieren ließ.


No. 1. Des alten lahmen Invaliden Görgel sein Neujahrswunsch

Sie haben mich dazu beschieden,
So bring ich's denn auch dar:
Im Namen aller Invaliden
Wünsch ich ein fröhlich Jahr

Zuerst dem lieben Bauernstande;
Ich bin von Bauern her,
Und weiß, wie nötig auf dem Lande
Ein fröhlich Neujahr wär.

Gehn viele da gebückt, und welken
In Elend und in Müh,
Und andre zerren dran und melken;
Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendieren,
Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern gehn ja nicht auf vieren,
Es sind doch Menschen auch;

Und sind zum Teil recht gute Seelen.
Wenn nun ein solches Blut
Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;
Das ist fürwahr nicht gut.

Ein fröhlich fröhlich Jahr den Fürsten,
Die nach Gerechtigkeit,
Nach Menschlichkeit und Wohltun dürsten:
Der Fürsten Ehrenkleid!

Sie sind in diesem Ehrenkleide
Wie Gottes Engel schön!
Und haben selbst die meiste Freude;
Sonst muß ich's nicht verstehn.

Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen
Dem Fürsten unserm Herrn!
Der auch in unsern alten Tagen
Noch denket an uns gern;

Der als ein Vater an uns denket
Auf seinem Fürstenthron,
Und uns des Lebens Pflege schenket!
Dank ihm und Gotteslohn!

Und seinen Untertanen allen,
Wir sind ja Brüder gar,
Uns lieben Brüdern Wohlgefallen
Und ein recht gutes Jahr!

»Und allen edlen Menschen Friede
Und Freud auf ihrer Bahn!
Ich segne sie in meinem Liede,
So viel ich segnen kann;

Und fühl in diesem Augenblicke
Den lahmen Schenkel nicht,
Und steh und schwinge meine Krücke,
Und glühe im Gesicht.«