Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Der bleiche, herbstliche Halbmond von

Der bleiche, herbstliche Halbmond
Lugt aus den Wolken heraus;
Ganz einsam liegt auf dem Kirchhof
Das stille Pfarrerhaus.

Die Mutter liest in der Bibel,
Der Sohn, der starret ins Licht,
Schlaftrunken dehnt sich die ältre,
Die jüngere Tochter spricht:

»Ach Gott, wie einem die Tage
Langweilig hier vergehn!
Nur wenn sie einen begraben,
Bekommen wir etwas zu sehn.«

Die Mutter spricht zwischen dem Lesen:
»Du irrst, es starben nur vier,
Seit man deinen Vater begraben
Dort an der Kirchhofstür.«

Die ältre Tochter gähnet:
»Ich will nicht verhungern bei euch,
Ich gehe morgen zum Grafen,
Und der ist verliebt und reich.«

Der Sohn bricht aus in Lachen:
»Drei Jäger zechen im Stern,
Die machen Gold und lehren
Mir das Geheimnis gern.«

Die Mutter wirft ihm die Bibel
Ins magre Gesicht hinein:
»So willst du, Gottverfluchter,
Ein Straßenräuber sein!«

Sie hören pochen ans Fenster,
Und sehn eine winkende Hand;
Der tote Vater steht draußen
Im schwarzen Pred'gergewand.