Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

An die Phillis von

An die Phillis

Von Liegniz aus

Wiltu zürnen, liebstes Kind,
Ach so zürne mit dem Glücke,
Deßen Unrecht, Zorn und Tücke
Unsrer Trennung Ursach sind;
Zürne gar mit meinem Herzen,
Das vorhin in Stücken bricht,
Ich verbeiße gern die Schmerzen,
Fluche nur der Liebe nicht!

Fluche nur der Liebe nicht!
Was dein zärtlich Fleisch erduldet,
Hat sie warlich nicht verschuldet,
Ob es gleich die Misgunst spricht.
Mein Verhängnüß, nicht dein Küßen,
Hat dich in den Gram gesezt,
Der mein redliches Gewißen
Zwar betrübt, doch nicht verlezt.

Daß du mir als meine Braut
Auf ein keusches Widerstreben
Seele, Geist und Brust gegeben
Und mir, was du hast, vertraut,
Ist so wenig eine Sünde
Als mein Kuß ein Judaskuß,
Ob ich gleich von meinem Kinde
Unverhoft entrinnen muß.

Glaube, daß ich mir dein Weh
Und der Thränen Meng und Schärfe
In mir selbst mit Angst entwerfe,
Wenn ich jezt zurücke geh
Und den süßen Bund bedencke,
Den wir bey erfolgter Nacht
Ohne Kuppler, List und Räncke
Mit Entzückung fest gemacht.

Was vor keusche Zärtligkeit
Sog ich aus dem lieben Munde,
Dem es etwan diese Stunde,
Aber mir zur Angst, gereut!
Was vor hiziges Entzücken
Gab nicht dort die Jahrmarcktslust,
Wo du mich mit naßen Blicken
Um das Thor verlaßen must!

Himmel, ach, gedenck ich dran,
Was ich damahls vor Gelübde,
Als uns Neid und Spott betrübte,
Und wie viel ich sonst gethan,
Du erhörtest auch die Liebe
Und bedrohtest die Gefahr,
Die bey unserm heißen Triebe
Anfangs zu besorgen war.

Nunmehr hatt ich schon die Ruh;
Hofnung, Sehnsucht und Verlangen,
Dich nun völlig zu empfangen,
Eilten nach dem Hafen zu.
Phillis flocht bereits die Myrthen,
Aber, ach, du Donnerwort,
Eh sie noch mein Haupt umgürthen,
Muß ich sonder Abschied fort.

O wie manche, manche Nacht
Wird mir noch auf harten Küßen
Diese Glieder wälzen müßen,
Die du einmahl hoch geacht,
Die du sonst so schön gepriesen
Und so zärtlich angedrückt,
Daß es noch die Abendwiesen
Und den jungen Hayn erquickt!

Sprich verächtlich, fluche, schilt,
Reiß, verbrenne meine Lieder,
Rufe deinem Menling wieder,
Der vielleicht noch immer gilt!
Las dir nichts von mir mehr taugen,
Ja, verfolge mich mit List -
Phillis bleibt in meinen Augen,
Was sie stets gewesen ist.

Was du stets gewesen bist,
Meine Braut und mein Vergnügen,
Das mir durch ein grausam Fügen
Jezt zur Marter worden ist,
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Himmel, der du mich erkennst,
Der du alles siehst und richtest,
Der du alles weist und schlichtest,
Der du bindest und zertrennst,
Werd ich nicht von deinem Schluße
Mit Gewalt davon gejagt,
O so werde meinem Fuße
Ewig seine Ruh versagt.

Ja, ich sage, macht der Tod
Meiner Brust mehr Furcht und Plage,
Als ich ihrentwegen trage,
Da ihr manches Wetter droht,
O so werde mein Geblüte
Nach und nach durch Gram verzehrt;
Doch ich weis schon, mein Gemüthe
Ist wohl etwas Beßers werth.

O wie manch galantes Kind
Wird mit mir noch Mitleid haben,
Wenn wir beide längst begraben
Und mehr Staub als Knochen sind!
O wie manche wird das Leiden,
So du meinetwegen fliehst,
Als ein rühmlich Creuz beneiden,
Dem du dich aus Groll entziehst!

Schröckt dich nun mein Elend ab
Und versagstu mir auf Erden
Alle Hofnung, dein zu werden,
So erwarthe nur mein Grab.
Nachmahls solstu sehn und hören,
Doch vor dich bereits zu spät,
Daß auch die mein Lob verehren,
Die mich jezt aus Neid geschmäht.