Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Die Eitelkeit des menschlichen Lebens von

Die Eitelkeit des menschlichen Lebens

Mein Geist, beweine doch
Den allgemeinen Jammer!
Das Leben ist ein Joch,
Das uns mehr drückt als zieret,
Ach Ungemach!
Und auf die Folter schnieret,
Ach, ach!

Beym Eintritt in die Welt
Wird uns der Schmerz zur Amme,
Die Gift zur Milch bestellt;
Wir führen in der Wiege,
Ach Ungemach!
Die besten Elendskriege,
Ach, ach!

Der Fall lehrt uns den Gang,
Der Gang lehrt uns das Fallen.
Der weinende Gesang
Verdient oft Ruth und Schläge,
Ach Ungemach!
Und bringt nur Furcht zuwege,
Ach, ach!

Der Jugend erster May
Führt uns in Kummerschulen;
Der Geilheit Tyranney
Beraubet die Gemüther,
Ach Ungemach!
Der edlen Seelengüter,
Ach, ach!

Und nimmt man denn ein Weib,
So wird uns Creuz und Kummer
Ein rechter Zeitvertreib;
Da müßen wir verschwiegen,
Ach Ungemach!
Uns unter Hörner schmiegen,
Ach, ach!

Den Kummer ziehn wir groß:
Da lezen uns die Kinder,
Die kleinen nur die Schoos,
Die großen Herz und Augen,
Ach Ungemach!
Wenn sie am Beuthel saugen,
Ach, ach!

Fällt nun die Jugend ab,
So steiget mit den Jahren
Das Elend bis ins Grab;
Da muß man mit den Plagen,
Ach Ungemach!
Der Jugend Spott vertragen,
Ach, ach!

Drauf fährt man nackt und blos
Nach einem finstern Lande
Auf die Verwesung los;
Ja, mancher muß sein Sterben,
Ach Ungemach!
Noch wohl mit Angst erwerben,
Ach, ach!

Seht, Brüder, wie es geht!
Weint, daß es mit uns Menschen
So gar verdrießlich steht;
Ach bethet doch noch heute
Und wüntscht mit mir,
Daß uns die Glocke läuthe
Von hier.