Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Als er unverhoft von etlichen Gönnern aus Breszlau favorable Briefe erhielt von

Als er unverhoft von etlichen Gönnern aus Breszlau favorable Briefe erhielt

Es dürfte mir ein Freund noch manch Gedächtnüß weihen,
Ich würd im Tode mehr als jezt im Leben seyn;
Der stille Rosenthal ergözte meinen Schatten
Und läst sich ihn vielleicht mit Flemmings Geiste gatten.
Ja, wenn auch ohngefehr in Lieb und Einsamkeit
Nach viel Veränderung der Länder und der Zeit
Ein Landsmann hier herum der Liebsten Sträuße bände
Und etwa noch von mir den lezten Knochen fände,
Ich weis, er grüb auch den in Blumen, Sand und Bast
Und schnidte diese Schrift an jenem nechsten Ast:
»Hier starb ein Schlesier, weil Glück und Zeit nicht wollte,
Daß seine Dichterkunst zur Reife kommen sollte;
Mein Pilger, lis geschwind und wandre deine Bahn,
Sonst steckt dich auch sein Staub mit Lieb und Unglück an.«
Dies dürft ein Landsmann thun. O daß ich jezo stürbe
Und durch der Jahre May den grünen Ruhm erwürbe!
Mein Wuntsch ist stets umsonst, es kommt mir nicht so gut:
Da nichts mehr auf der Welt mir was zu Liebe thut,
So will mich auch sogar der karge Tod nicht haben,
Aus Furcht, er möcht an mir mehr Schimpf als Fleisch begraben.
Ach Gott, ach Lieb, ach Carl, ach Weißheit, ach Eugen,
Ihr hört mein Saythenspiel zu eurem Dienste stehn,
Ihr seyd die Mächtigsten im Himmel und auf Erden,
O last doch meine Noth nicht etwan größer werden!
Was kostet's euch vor Müh, mein Glücke zu erhöhn?
Es wär um einen Blick, so könt ich sicher stehn
Und euer Siegeslied mit aufgelösten Schwingen
Bis an das Eußerste des Erdenkreises bringen.
Verlaßne Poesie, wie geht es immer zu!
Dein Spielen wiegt den Geist der Traurigkeit in Ruh,
Macht wilde Sitten zahm, kan Leichen Blut und Leben,
Den Helden Ewigkeit, der Tugend Cronen geben,
Hingegen uns, dein Volck, verlästu in der Noth.
O welche Mutter gönnt den Kindern nicht das Brodt?
Du läst die Deinigen kein schlechtes Gut erwerben
Und oft durch fremden Ruhm mit Ehren Hungers sterben.
Verlaßne Poesie, so war es ehmahls nicht.
Man weis wohl, was Corinth vor Ehrenkränze flicht,
Man hört noch vom August und Welschlands göldnen Jahren,
Wo Flaccus und Virgil des Hofes Zierde waren.
Wo lebt jezt Constantin, der Räth aus Dichtern macht?
Wo hat in deutscher Luft ein solcher Blick gelacht,
Als Franckreichs Ludewig den freyen Künsten schenckte,
So sehr es oftermahls den tummen Hochmuth kränckte?
Ein Schreiber sieht uns jezt kaum über Achsel an,
Und keinem wird die Thür im Winter aufgethan,
Er müste denn zuvor bey seinem Kranze schwören,
Der Magd zur Danckbarkeit die Stuben auszukehren.
Was nüzt der dürre Zweig, der Haar und Platte deckt,
Wenn unterdes die Haut durch Schuh und Strümpfe bleckt?
Was hilft die Götterkost, womit die Musen laben,
Wenn unsre Finger nichts als welcke Rüben schaben?
Im Waßer wächst kein Vers, der ewig grünen soll;
Wenn Flaccus spielt und jauchzt, so ist er satt und voll
Vom Weine, nicht von Gram. Zerreißt, ihr mürben Saythen,
Nun mag ich länger nicht mit so viel Elend streiten,
Zerreißt und knüpft mich auf und schnürt den Jammer zu!
Denn eh ich künftig mehr vergebne Wüntsche thu,
Eh soll mein siecher Leib (was würd ich viel verlieren?)
Den Nagel und die Wand der Welt zur Schande zieren.
So sprang Selintes auf und hätte was gethan;
Jedoch ein schneller Schlaf hielt Arm und Unmuth an
Und warf ihn, wie er war, auf Stroh und Leinwand nieder.
Da wiegt' ein sanfter Traum die Sinnen und die Glieder
Mit süßen Bildern ein. Der Phoebus kam ihm vor
Und gab ihm nebst Gedult ein neu geschnidtnes Rohr
Und sagte: Spiele fort und nimm dir dies zum Zeichen,
Die Hofnung wird dich noch zu rechter Zeit erreichen;
Budorgis hört dein Flehn, und um den schönen Fluß,
Wo Hofmanns Lauthe noch das Ufer schlagen muß,
Erschallt dein Klagelied in aufgeweckten Ohren,
Die Schlesien der Kunst zu Hülf und Trost gebohren.
Sechs Tage sind vorbey, jezt geht der Traum erst aus.
Wie schnell erholt sich jezt mein dürrer Lorbeerstrauß,
Da viel an Glück und Geist berühmte Mäcenaten
Der armen Ungedult in milder Zuschrift rathen!
Ihr Kenner rechter Kunst, ihr Väter einer Stadt,
In welcher Phoebus noch erlaubten Zutritt hat,
Empfangt nach eurer Huld ein Blat voll Wuntsch und Seegen
Mit Augen, die das Herz mehr als den Werth erwegen.
So wie nach Näß und Wind ein tief gebücktes Kraut,
Wenn Wärm und Sonnenschein den Erdkreis wieder schaut,
Den müden Gipfel hebt und nach dem Orte steiget,
Woher ihm Licht und Luft des Trostes Aufgang zeiget,
So muntert euer Blick die blöde Schwachheit auf.
Der Reim beschleuniget den sonst verstockten Lauf,
Begierd und Feder glühn, und Blut und Adern springen,
Am deutschen Helicon den Schwänen nachzudringen,
Die nicht mehr sterblich sind. Ich seh, wie Hofmanns Geist
Auch meinen heißen Trieb durch Klipp- und Wolcken reißt.
O würd mir eure Gunst durch keinen Neid gestohlen,
So hoft ich ganz gewis, den Opiz einzuholen.
Getrost, Calliope! die Saythen angefast!
Denn da du jezt so viel und kluge Väter hast,
So darf man dich nicht mehr ein armes Mägdgen nennen;
Ihr Zuschuß wird dich ja noch wohl ernähren können.
Hört diese Zuversicht, seht, Gönner reicher Hand,
So plözlich ändert ihr den unvergnügten Stand,
So scharf entzündet mich die Ehrfurcht und die Liebe
Mit einer Zärtligkeit vergnügter Hofnungstriebe,
Die jezt nach Breßlau gehn. Verzeiht nur, wo mein Lied
Vor diesmahl nicht sogleich dem Wetter ähnlich sieht.
Die Freud ist ein Affect, der, wenn er heftig treibet,
Mehr in Gedancken sagt als mit der Feder schreibet.
Bald soll es beßer gehn, wenn Nothdurft, Ruh und Lust
Des Geistes Freyheit schüzt. Jezt äz ich meiner Brust
Die theuren Nahmen ein, und muß auch die verwesen,
So soll sie doch die Welt auf meinem Lorbeer lesen.
Erlaub es mir nunmehr, du lorbeerreiche Schaar,
Virgil, Horaz, Petrarch, Secundus, Sannazar,
Und alle, die ihr mir viel Spuren hinterlaßen,
Den besten nechsten Weg am Pindus abzupaßen,
Erlaubt mir, daß mein Fuß in eure Stufen tritt!
Ich bringe von Natur den stummen Zunder mit
Und will wie ehmahls ihr in süß- und hohen Schriften
Den Seelen seltner Art ein ewig Denckmahl stiften.
Es ist kein Hochmuthstrieb, es ist ein Hochmuthszug,
Der Lust zur Weißheit trägt und durch den Sternenflug,
Zu dem mir Breßlers Huld die Feder mitgetheilet,
Den blinden Pöbel läst und nach den Bühnen eilet,
Allwo das Heldenhaus, das dort den Milchweg ziert,
Den Gönnern meines Spiels nicht minder Glanz gebiehrt,
Weil Häupter, die den Ruhm der Wißenschaften schüzen,
So große Dinge thun als die im Helme blizen.