Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

An Gott um Hülfe von

An Gott um Hülfe

So ist's, bedrängtes Herz, aufs eußerste gekommen;
Das Elend hat den Lenz des Alters mitgenommen,
Schmach, Armuth, Schmerz und Müh gebiehrt noch keine Ruh,
Mein Erbtheil ist verraucht, die Gönner sind verblichen,
Der Eltern Herz verstockt, der beste Freund gewichen,
Und wo mein Jammer klopft, da schlägt die Thüre zu.

Der Pöbel ärgert sich an diesem leichten Kleide;
Kein Armer ist so schlecht, er hat noch eine Freude,
Nur mich erquickt und stärckt kein Augenblick voll Lust.
Ich habe keinen Ort, wohin mein Haupt sich lege,
Bin nirgends angenehm und überall im Wege
Und finde, wo ich fall, kein Mitleid treuer Brust.

Zehl jemand, wo er kan, den Grieß am Oderstrande,
Die Schuppen in der See, die Gräser auf dem Lande,
So hat er gleich das Maas der Seufzer meiner Pein,
Der Seufzer, die es stets so treu und redlich meinen,
Der Jugend Schwachheitsschuld erkennen und beweinen
Und doch so lang umsonst nach Trost und Hülfe schreyn.

Wie wenig, liebster Gott, bedürft ich, mich zu retten,
Wenn Argwohn, List und Wahn an mir kein Greuel hätten
Und Glimpf und Billigkeit bey einem Richter wär!
So aber wütet man mit Donner, Bliz und Flammen,
Verstößt mich ungehört und macht mir durch Verdammen
Den Weg zur Beßerung auf allen Seiten schwer.

Man misbraucht Gottes Wort, um mich nur recht zu quälen,
Man sucht mir das Vertraun auf deßen Huld zu stehlen,
Der auch den ärgsten Mensch mit Lieb und Trost bekehrt:
Da schreyt die Heucheley den Gönnern in die Ohren,
Ich als verworfnes Kind sey würcklich schon verloren
Und folglich keiner Gunst noch Hülfe weiter werth.

Wer glaubt die Grausamkeit von väterlichen Händen?
Er zürnt, er läst es auch dabey noch nicht bewenden,
Daß er allein vor sich sein Fleisch und Blut verschmäht,
Er zeugt mir fremden Haß, läst andre Feuer blasen,
Weckt selber meinen Feind, ist's Einfalt oder Rasen?
Sprecht, sagt es frey heraus, die ihr das Recht verdreht!

Gedult, geplagtes Herz, Gedult, betrübte Sinnen;
Vielleicht wird Zeit und Fleiß dem Unstern abgewinnen,
Die Ehrbegierde kommt und steckt die Geister an;
Nimm allen Trost von dir und von des Himmels Güte
Und opfre seiner Huld mit feurigem Gemüthe,
Du weist ja, daß er dich nicht ewig laßen kan.

Dein Zustand kan gar bald ein ander Aussehn kriegen,
Es heist ja die Gefahr der Anfang zu dem Siegen
Und diese deine Noth der Grund vom Wohlergehn.
Gebeth, Verstand und Wiz und Klugheit, sich zu schicken,
Vermögen allzeit mehr als die, so hämisch drücken
Und ohne Fug und Recht der Unschuld widerstehn.

Auch darauf kommt's nicht an, daß viel von deinen Jahren
Dir unter fauler Angst wie Traum und Strom entfahren.
Was weg ist, gilt nicht mehr, der Ernst bringt alles ein,
Die Hofnung stärckt den Muth, erleichtert Schmerz und Bürde.
Erlangstu nur einmahl der Weißheit halbe Würde,
So kan dein Reichthum dir noch mehr als Cronen seyn.

Mein Vater und mein Schuz, du Brunnquell reiner Liebe,
In deßen Warheit ich Verstand und Sinnen übe,
Ach sprich doch auch in mir: Es werde wieder Licht!
Dich kennen ist allein die Weißheit, so ich suche;
Ich seh sie in der Welt, in diesem großen Buche,
Worinnen jeder Punct von deiner Größe spricht.

So deutlich und so wahr ich jezt mich selbst empfinde,
So fest versprech ich mir Vergebung jeder Sünde,
Und so gewis du bist, so starck ist mein Vertraun.
Du hast mich längst erwehlt, ach hilf mich jezt bekehren,
Damit ich würdig sey, die Mittel zu begehren,
Die inn- und eußerlich mein Glücke fester baun.

Ach hilf mir wider mich, wenn Fleisch und Regung irren,
Damit sie die Vernunft durch keinen Dunst verwirren,
Las Leben, Leib und Kraft noch etwas stehn und blühn,
Und dieses nur darum, dein Lob einmahl zu preisen
Und endlich auch der Welt die Pflichten zu erweisen,
Worzu mir die Natur ein gutes Pfund verliehn.