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Der sich selbst Tröstende von

Der sich selbst Tröstende

Du bist wohl recht, du menschlich Herze,
Ein trozig und verzagtes Ding:
Dein Glauben wanckt in kleinem Schmerze,
Und da es dir nach Wuntsche gieng,
Da schwall dein wildes Fleisch und Blut
Von Geilheit und von Übermuth.

Wo schreibt der Thon dem klugen Töpfer,
Ein grobes Holz dem Künstler vor?
Du murrest wider deinen Schöpfer
Und rüttelst sein geduldig Ohr,
Als wäre dies geringe Leid
Ein Zeugnüß scharfer Grausamkeit.

Du hast wohl Ursach, viel zu klagen;
Besieh dich doch nur um und an!
Wer hat dich als ein Kind getragen?
Dies hat der Mutter Schoos gethan.
Wer aber gab der Mutter Kraft?
Der Herr, der allen Nahrung schaft.

Wie vielmahl bistu nicht geglitten
Und hast den Fall gesund belacht?
Wer hat dich an Vernunft und Sitten
Der klugen Welt beliebt gemacht?
Durch weßen Gnade trägstu noch
Des armen Lebens schweres Joch?

Ach unerkenntliches Gemüthe!
Wer hat an solcher Unruh Schuld?
Du selbst und nicht des Höchsten Güte.
Was darbstu? Gar nichts als Gedult.
Ach köntestu vergnüglich seyn,
So sähstu deinen Reichthum ein.

Du siehst den Tisch der reichen Praßer,
Und daran ärgert sich dein Mund?
Du aber bist bey Korn und Waßer
An Gliedern und Verstand gesund.
Wer dies besizt und mehr begehrt,
Ist deßen, was er hat, nicht werth.

Vielleicht verdient es mancher beßer
Und leidet noch wohl ärger Noth;
Wie manchen reizen Strick und Meßer
Bey Kleien, Rind und Eichelbrodt;
Beklagt nicht jezt so manches Land
Den allgemeinen Jammerstand?

Du hast Verfolger. Nun, was weiter?
Und nirgends einen wahren Freund.
Was macht's? Der Himmel scheint nicht heiter.
Gut, sey nur nicht dein gröster Feind
Und werde, wenn dich alles hast,
Dir auch nicht endlich selbst zur Last.

Du siehst in Arbeit und Studiren
So wenig Glück als Hofnung blühn.
Halt an und schweig und las dich führen,
Die Vorsicht weis emporzuziehn.
Betriegt auch dies, so ist ja schon
Die Weißheit an sich selbst ihr Lohn.

Ja fräß ich nur von groben Thoren
Nicht so viel Schimpf und Unrecht ein
Und müst ich in des Pöbels Ohren
Nicht überall ein Mährchen seyn!
Verlache sie und beßre dich,
Die Zeit verändert wunderlich.

Der Himmel scheint mich selbst zu laßen.
Er scheint auch nur, verzage nicht.
Da andre Scherz und Lust umfaßen,
Giebt mir die Jugend wenig Licht,
So freu dich auf gewiße Ruh,
Sie sagt dem Alter beßer zu.