Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Als er über den Lauf der jezigen Welt sich beklagete von

Als er über den Lauf der jezigen Welt sich beklagete

Wem die Welt von allen Seiten
Und der Lauf der lezten Zeiten
Täglich in die Augen fällt,
Diesem kan man nicht verdencken,
Wenn ihm Ärgernüß und Kräncken
Alles Lebens Lust vergällt.

Soll man ja die Warheit sagen,
Hat man in den Kindheitstagen
Freylich noch die göldne Zeit;
Schlafen, Spielen, Scherz und Lachen
Und kein Kummer toller Sachen
Geben uns Zufriedenheit.

Aber diese kurze Freude
Wird hernach zu größerm Leide
Und vergeht auch wie ein Traum;
Denn so bald die Jugend blühet
Und uns unter Umgang ziehet,
Finden schon die Sorgen Raum.

Last den Hochmuth hizig rennen
Und nach hohem Range brennen -
Was gewinnt er? Furcht und Last.
Unruh liegt im Ehrenbette,
Und der Sorgen Sclavenkette
Hält auch Fürsten oft umfast.

Schäze, die man sich erschwizet,
Bringen den, der sie besizet,
Oft um manche gute Nacht;
Lehnt man sie der Welt zum Besten,
Wird man von des Undancks Gästen
Noch mit Schaden ausgelacht.

Täglich in Gesellschaft leben
Heist sich auf ein Meer begeben,
Wo ein steter Sturm regiert;
Wer nur etwan halb geglitten,
Wird beredt, verhöhnt, verschnidten,
Ja wohl gröber abgeführt.

Die uns vorwärts freundlich küßen,
Reißen mit Verleumdungsbißen
Heimlich unser Ehrenkleid;
Schäzt und ehrt man uns vor andern,
Muß man gleich auf Dörnern wandern,
Die der Feind verdeckt gestreut.

Auch die allerbesten Schwestern
Schämen sich nicht, die zu lästern,
Der sie sich sonst selbst vertraun;
Mienen, Kleider und Gebehrden
Müßen arme Sünder werden,
Welchen viel den Richtplaz baun.

Schweigt man still, so heist's gezwungen,
Giebt man zu, so sind die Zungen
Der Verleumder noch so scharf,
Daß sie mehr zur Rache lügen,
Bis wir Zanck und Händel kriegen,
Die man auch nicht ahnden darf.

Schonen uns auch fremde Gloßen,
Geben gar die Hausgenoßen
Unsern Feinden Zung und Wind,
Bis die Lehrer eingenommen
Und wir auf den Holzstoß kommen,
Wo die Flüche Flammen sind.

Wär auch alles zu verschmerzen,
So ist dies ein Stein im Herzen,
Daß auch ehrlich nicht mehr gilt;
Hat man noch so treue Sinnen,
Wird man doch nur Spott gewinnen,
Wo man nicht wie andre schilt.

Freunde, die uns Farbe halten,
Schlafen längst mit unsern Alten
Und sind jezo nur verstellt.
Bey dergleichen eitlen Sachen
Dürft ich fast den Ausspruch machen:
Einsam oder von der Welt!

Doch was einsam? Misgunstsblicke
Schleichen sich mit Gift und Tücke
In den tiefsten Winckel ein;
Soll uns nun kein Neid entdecken,
Muß man sich wohin verstecken?
Unter einen Leichenstein.

Sichre Freyheit vor dem Jammer,
Holde Gruft, Vergnügungskammer,
Sanftes Lager lezter Ruh!
Deine Gegend bald zu füllen,
Eilt mein Geist mit Lust im Stillen
Schon in Hofnung freudig zu.

Dieser Raum von wenig Ellen
Schüzt mich vor den bösten Fällen,
Die im Leben weh gethan;
Hier verstummt des Neides Toben
Und da fängt er an zu loben,
Was er nicht mehr drücken kan.