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Buszgedancken von

Buszgedancken

Mein Gott, wo ist denn schon der Lenz von meinen Jahren
So still, so unvermerckt, so zeitig hingefahren?
So schnell fleucht nimmermehr ein Seegel durch das Meer,
So flüchtig dringt wohl kaum ein heißes Bley zum Ziele,
Es dünckt mich ja noch gut der ersten Kinderspiele;
Wo kommt denn aber schon des Cörpers Schwachheit her?

Mein Alter ist ja erst der Anfang, recht zu leben,
Indem mir Raum und Zeit noch manchen Scherz kan geben.
Wie? Überspringt dies nun die Stafeln der Natur?
Mein Geist, der wie die Glut in fetten Cedern brannte,
Verdruß und Traurigkeit aus allen Winckeln bannte
Und wie der Bliz bey Nacht aus Mund und Antliz fuhr.

Ich hatte von Geburth viel Ansehn auf der Erden,
Nach meiner Väter Art ein starcker Geist zu werden.
Der Eltern kluge Gunst erzog Gemüth und Leib
Durch Übung, Schweiß und Kunst zu wichtigen Geschäften;
Was andern sauer ward, das war schon meinen Kräften
Ein lustiges Bemühn und froher Zeitvertreib.

Kein Eckel, keine Furcht, kein abergläubisch Schröcken
Vermochte mir das Herz mit Unruh anzustecken.
Die Glieder fluchten nicht auf Hize, Frost und Stein,
Verfolgung, Mangel, Haß, Neid, Lügen, Schimpf und Zancken
Erstickten mir keinmahl den Ehrgeiz der Gedancken,
Der Welt durch Wißenschaft ein nüzlich Glied zu seyn.

Ich sah mich als ein Kind den Warheitstrieb schon leiten,
Ich schwazte durch die Nacht bey Schriften alter Zeiten,
Die Musen nahmen mich der Mutter von der Hand;
Ich lernte nach und nach den Werth des Maro schäzen
Und fraß fast vor Begier, was Wolf und Leibniz sezen,
Bey welchen ich den Kern der frommen Weißheit fand.

Dabey verschmäht ich auch kein eußerlich Vergnügen,
Die Liebe wuste mich recht künstlich zu besiegen,
Sobald Anacreon in meinen Zunder blies;
Ich dacht, es zöge mich nur blos ein nettes Singen,
Und war doch in der That ein zärtliches Bezwingen
Der süßen Eitelkeit, die ihre Macht bewies.

Bey vielem Ärgernüß und unter allen Sorgen,
Die mir noch ziemlich jung den Abend wie den Morgen
Mit Drohung und Gefahr empfindlich zugesazt,
Verdarb ich gleichwohl nicht Gesellschaft, Scherz und Küßen,
Und manch vertrauter Freund wird oft noch sagen müßen,
Wie freudig ihm mein Trost die Grillen ausgeschwazt.

Allein es ändert sich die Scene meines Lebens.
Ach Gott, wie ist es jezt mit mir so gar vergebens!
Was seh ich zwischen mir und mir vor Unterscheid!
Mein junges Feldgeschrey bringt stumme Klagelieder,
Es keimt, es gährt bereits durch alle meine Glieder
Der Saame und das Gift geerbter Sterbligkeit.

Die Geister sind verraucht, die Nerven leer und trocken,
Die Luft will in der Brust, das Blut in Adern stocken,
Das Auge thränt und zieht die scharfen Strahlen ein;
Das Ohr klingt fort und für und läuthet mir zu Grabe,
Und da ich überall viel Todeszeichen habe,
So zagt dabey mein Herz in ungemeiner Pein.

Nicht etwan, daß mein Fleisch, die abgelegte Bürde,
Aus Abscheu vor der Gruft zulezt noch weibisch würde:
Dies hab ich mir vorlängst bekand und leicht gemacht;
Nur darum, daß mein Fleisch sich in der Blüthe neiget
Und nicht der Welt vorher durch seine Früchte zeiget,
Zu was mich die Natur an dieses Licht gebracht.

Allein wer hat hier Schuld? Ich leider wohl am meisten,
Ich, welchen Glück und Wahn mit süßen Träumen speisten,
Als würd es stets so seyn und niemahls anders gehn,
Ich, der ich so viel Zeit nicht klüger angewendet,
Gesundheit, Stärck und Kraft so liederlich verschwendet -
Ach Gott, verzeih es doch dem redlichen Gestehn!

Nun ist auch dies wohl wahr, der Himmel wird es zeugen,
Daß Neid und Unglück oft die besten Köpfe beugen
Und daß ich wider mich gar viel aus Noth gethan.
O hätte mich die Pflicht des Nechsten oft gerettet
Und mancher Blutsfreund selbst mir nicht den Fall gebettet,
Vielleicht - - jedoch genug! Ich klage niemand an.

Ich klage niemand an aus redlichem Gemüthe
Und wüntsche mir vielmehr nach angebohrner Güte
Nur so viel Glück und Zeit, den Freunden Guts zu thun;
Und da es in der Welt nicht weiter möglich scheinet,
So thu es der vor mich, vor dem mein Herze weinet,
Und laße Neid und Groll mit mir im Grabe ruhn.

Nur mich verklag ich selbst vor dir, gerechter Richter.
So viel mein Scheitel Haar, so viel der Milchweg Lichter,
So viel die Erde Graß, das Weltmeer Schuppen trägt,
So zahlreich und so groß ist auch der Sünden Menge,
Die mich durch mich erdrückt und immer in die Länge
Mehr Holz und Unterhalt zum lezten Feuer legt.

Das Ärgste wäre noch, mich hier vor dir zu schämen:
Hier steh ich, großer Gott, du magst die Rechnung nehmen.
Ich hör, obgleich bestürzt, das Urthel mit Gedult.
Wie hab ich nicht in mich so lang und grob gestürmet
Und Fluch auf Fluch gehäuft und Last auf Last gethürmet!
Schlag, wirf mich, tödte mich! Es ist verdiente Schuld.

Dein Zorn brennt nicht so sehr die bösen Sodomskinder,
Die Hölle scheint noch kalt und plaget viel gelinder
Als mich die Qual und Reu, die in der Seelen schmerzt.
Ist's möglich, ach, so gieb, du ewiges Geschicke,
Mir auch jezund vor Blut ein Theil der Zeit zurücke,
Mit der sein Selbstbetrug sein zeitlich Wohl verscherzt!

Wie beßer wollt ich jezt das theure Kleinod schäzen,
Wie ruhig sollte sich hernach mein Alter sezen
Und, wenn denn meine Pflicht der Welt genug gedient,
Mit Fried und Freudigkeit und als im Rosengarthen
Den Tod und auf den Tod den Nachruf still erwarthen,
Ich sey als wie ein Baum nach vieler Frucht vergrünt.

Mein Gott, es ist geschehn, mehr kan ich nun nicht sagen.
Stimmt deine Vorsicht bey, so seze meinen Tagen
(Hiskias weint in mir) nur wenig Stufen zu.
Ich will den kurzen Rest in tausend Sorgen theilen,
Durch That und Beßerung das Zeugnüß zu ereilen,
Daß ich anjezo nicht mit Heucheln Buße thu.

Der Ernst macht alles gut; was hin ist, sey vergeßen.
Kein Kraut ist ja so welck, man weis noch Saft zu preßen,
Der, kommt gleich jenes um, den Krancken Heil gewährt
Manaßes mehrt zulezt die Anzahl frommer Fürsten,
Und Saul kan nicht so starck nach Blut und Unschuld dürsten,
Als eifrig und geschickt hernach sein Geist bekehrt.

Ist deiner Ordnung ja mein längres Ziel zuwider,
So rette, treuer Gott, doch alle meine Brüder,
Die voller Irrthum sind und noch an Jahren blühn,
Und las sich ihren Geist an meinen Thränen spiegeln,
Eh Ohnmacht, Schwäch und Zeit die Gnadenthür verriegeln,
Damit sie mehr Gewinn von ihrem Pfunde ziehn.

Von nun an will ich mich dir gänzlich überlaßen
Und um den lezten Sturm den stärcksten Ancker faßen,
Den uns auf Golgatha der Christen Hofnung reicht.
Dein Wort, dein Sohn, dein Geist befriedigt mein Gewißen
Und lehrt mich hier getrost der Jugend Fehler büßen,
Bis ihrer Strafen Schmerz mit Wärm und Athem weicht.

Komm nun und wie du wilst, die Erbschuld abzufodern;
Der Leib, das schwere Kleid, mag reißen und vermodern,
Weil dies Verwesen ihn mit neuer Klarheit schmückt.
Ich will ihm zum Voraus mit freudenreichem Sehnen
Auf Gräbern nach und nach den Schimmer angewöhnen,
In welchem ihn hinfort kein eitler Traum mehr rückt.

O sanfte Lagerstatt, o seeliges Gefilde!
Du trägst, du zeigest mir das Paradies im Bilde;
Ich steh, ich weis nicht wie, recht innerlich gerührt.
Wie sanfte wird sich hier Neid, Gram und Angst verschlafen,
Bis einst der große Tag die Böcke von den Schaafen,
Die in die Marter jagt und die zur Freude führt.

Mein Schaz, Immanuel, mein Heiland, meine Liebe!
Verleih doch, daß ich mich in deinem Wandel übe,
Verdirb mir alle Kost, die nach der Erde schmeckt,
Verbittre mir die Welt durch deines Creuzes Frieden,
Vertreib, was mich und dich durch mein Versehn geschieden,
Und hüll in dein Verdienst, was Zorn und Rache weckt.

Soll ja mein jäher Fall den Cörper niederstürzen,
So las mir Zeit und Schmerz auf deiner Brust verkürzen
Und nimm den freyen Geist mit Arm und Mitleid auf.
Wem irgend noch von mir ein Ärgernüß geblieben,
Dem sey der Spruch ans Herz wie mir an Sarg geschrieben:
Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf.