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Am XV. Sonntage nach Trinitatis von

Am XV. Sonntage nach Trinitatis

Epistel Gal. V. v. 25. 26. und Gal. VI. v. 1. etc.

Text

Im Geiste sind und leben wir,
Im Geiste last uns wandeln,
Nicht aber eitles Hochmuths voll
Mit Haß und Misgunst handeln!
Ja, lieben Brüder, fehlt ein Mensch,
So zeiget eur Geschlechte
Und helft ihm, weil ihr geistlich seyd,
Mit Sanftmuth stets zurechte.

Habt allzeit Achtung auf euch selbst,
Man möcht euch sonst versuchen.
Tragt einer auch des andern Last
Wie Christus ohne Fluchen.
Wer Stolz und Eigenliebe nährt
Und diesen Dünckel spüret,
Er sey etwas und ist doch nichts,
Der wird durch sich verführet.

Ein jeder prüfe blos sein Werck
Nach Zustand, Zeit und Würde,
So bleibt auch ihm allein der Ruhm
Wie jedem seine Bürde.
Wer durch das Wort gelehret wird,
Der soll auch danckbar leben
Und diesem, der ihn unterricht,
Von allen Gütern geben.

Irrt nicht, Gott duldet keinen Spott,
Wie Bethels Knaben lernten;
Denn was der Mensch allhier gesät,
Das wird er einmahl erndten.
Ein jeder, der auf Fleisch gestreut,
Der erndtet das Verderben,
Wer aber auf den Geist gesät,
Wird ewig Heil erwerben.

Nun, Brüder, last uns Gutes thun
Und dadurch nicht ermüden;
Wir erndten dort in Ewigkeit,
Bedenckt doch euren Frieden!
Jezt haben wir noch Zeit und Raum,
Thut Guts und dienet allen,
Hauptsächlich denen, die mit uns
Zu einem Tempel wallen.


Lehre

Seitdem uns Adams erste Frucht
Geschmack und Geist verdorben,
Seitdem ist unser Fleisch und Blut
Zum Guten ganz erstorben.
Gedancken, Worte, Werck und Sinn
Sind nichts als finstre Sünden,
Wofern wir nicht des Geistes Licht
In unsrer Seel entzünden.

Drum traf uns des Gesezes Fluch
Und schröckte mit dem Joche.
Die Zeit des alten Testaments
War eine Marterwoche,
In der der eußerliche Zwang
Den Saamen Jacobs drückte
Und niemand in das Heiligste
Der wahren Gnade blickte.

Doch endlich kam der Vorhang weg,
Und Zwang und Joch zerfielen,
Der Heiland kam in unser Fleisch,
Des Vaters Zorn zu kühlen.
Der gab ein angenehmer Joch
Und süße Botschaftslehren;
Will jemand vom Geseze los,
Der muß sie freudig hören.

Ein recht- und wahres Christenthum
Besteht in solchem Leben,
Das deßen Wandel ähnlich ist,
Der uns sein Blut gegeben.
Gebt Achtung, was der Meister thut,
Das soll der Jünger faßen,
Und, was er liebet oder flieht,
Auch lieben und verlaßen.

Der Heiland schalt nicht, wenn man schalt,
Er bat vor seine Feinde
Und machte durch Gelaßenheit
Die Zöllner sich zum Freunde.
Sein Leben war ein Tugendbild,
Sein Strafen nichts als Lieben.
In diesem allen soll ein Christ
Sich stets und ernstlich üben.

Damit man nun im Guten bald
Zur Fertigkeit gelange
Und als ein frommer Unterthan
In Christi Reiche prange,
So ist es noth, die Hindernüß
Und Bürden abzulegen,
Die uns als Pilger dieser Welt
Zu überladen pflegen.

Dies heist, man muß erst wider sich
In scharfen Kampf gerathen;
Die Selbstbezwingung ist der Kranz
Von allen Heldenthaten.
Hier braucht es nun nicht wenig Fleiß
Und Einsehn, Flehn und Wachen,
Des Fleisches Widerspenstigkeit
Zum Guten zahm zu machen.

Wer solche Lüste dämpfen will,
Der seh auf Christi Leiden.
Der Spiegel seiner harten Angst
Vergällt die eitlen Freuden,
Sein Blut, sein Schweiß, sein Gallentranck
Und tief zerfleischter Rücken
Nebst Speichel, Dornen, Spott und Hohn
Kan Adams Lust ersticken.

Sobald sich nun in uns der Trieb
Des eignen Willens leget,
So eilt man leichter auf der Bahn,
Die nach dem Himmel träget.
Und kurz, was unsers Heilands Huld
Gethan und vorgeschrieben,
Das ist vor unsre Pflicht sonst nichts
Als kämpfen, leiden, lieben.