Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Am Tage Mariä Geburth von

Am Tage Mariä Geburth

Epistel Prov. VIII. v. 22. etc.

Text und Lehre

Die Weißheit ruft uns täglich zu:
Wer Ohren hat, der höre!
Ich bin die Mutter aller Welt
Und schencke Glück und Ehre.
Ich war, eh etwas würcklich war,
Vom Anfang, vor der Erden,
Durch mich lies auch das Wort des Herrn
Aus nichts dies alles werden.

Da alle Dinge noch vorlängst
In ihrem Wesen schliefen,
Eh Waßer, Brunnen, Quell und Meer
Noch um den Erdkreiß liefen,
Eh noch ein Berg und Hügel stand,
Eh Sonn und Sterne brannten
Und eh die großen Ströme noch
Ihr Ziel und Ufer kannten,

Da war ich Weißheit schon bereit,
Da half ich mit regieren,
Der Herr gebrauchte meinen Rath,
Sein Absehn auszuführen.
Ich lebte, spielte, schuf mit ihm
Und hatte mein Ergözen,
Das ganze menschliche Geschlecht
In Fried und Lust zu sezen.

Darum gehorcht und folgt auch nun,
Ihr Kinder, meinen Wegen!
Ich führ euch in das Paradies,
Ich bring euch Lust und Seegen.
Seyd weise, liebt und hört die Zucht
Und wacht vor meiner Thüre,
Damit ein ewig Wohlergehn
Der Arbeit Ende ziere.

Wer mich erlanget und behält,
Der findet selbst das Leben,
Der Herr wird ihm sein Vaterherz
Mit Wohlgefallen geben.
Wer aber mich verlacht und höhnt,
Wird an der Seele sterben
Und dadurch, daß er mich verschmäht,
Den ärgsten Tod erwerben.

So ruft, so schreyt die Weißheit noch,
Und niemand will es mercken.
Herr, deßen Sohn die Weißheit ist,
Las mein Gemüthe stärcken,
Damit mich nicht der eitle Schein
Geschminckter Thorheit blende
Noch von dem Creuze deines Sohns,
Der wahren Weißheit, wende.