Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

An Marianen von

An Marianen

Was hilft's, es muß gelidten seyn,
So lang uns Erd und Luft noch tragen;
Ein jeder Mensch hat seine Pein,
Der zehnte darf sie niemand klagen.
Wir wandern alle durch die Zeit
Ins Vaterland der Ewigkeit
Und suchen eine beßre Stätte;
Da nimmt nun auch ein jeder wahr,
Wieviel Verwirrung und Gefahr
Den Pilgern Glück und Weg vertrete.

Inzwischen nimmt ein kluger Geist
Gedult und Hofnung zu Gefehrten,
Er folgt, wohin die Schickung weist,
Und sieht nicht stets nach Rosengärthen.
Bisweilen geht es ihm zwar nah,
Wenn Misgunst hier und Freunde da
Den sauren Weg noch schwerer machen;
Doch zwingt er allzeit Fleisch und Blut,
Sucht in sich selber Trost und Muth
Und lernt die Eitelkeit verlachen.

Dein edles Herz, betrübtes Haupt,
Fühlt auch ja mehr als einen Kummer,
Du wirst verschwärzt, gedrängt, beraubt
Und hast mehr Ärgernüß als Schlummer.
Wie manchmal mag der Thränenwein
In Einsamkeit dein Labsahl seyn,
Wie vielmahl magstu rückwärts dencken
Und jener schon verstrichnen Zeit,
Die unsre Kinderjahr erfreut,
Ein sehnsuchtsvolles Auge schencken.

Das Feld sieht jezo traurig aus
Und giebt uns schlechten Trost und Freude;
Wie weit betrübter läst dein Haus!
Man weint, man klagt, man geht im Leide.
Die Misgunst wehret deiner Brust
Die Unschuld der gelehrten Lust,
Man will, dein Feuer soll erkalten.
O Himmel, ist ein Mensch genug,
Er sey auch noch so starck und klug,
So vielen Streichen auszuhalten?

Der Sturm beweist des Schifers Kunst,
Gefahr muß Held und Stärcke zeigen,
So ist des Himmels Zorn oft Gunst
Bey Herzen, die wie Palmen steigen;
Die Vorsicht liebet, wen sie schlägt,
Erhöht die, so sie niederlegt,
Sie mißt die Last nach unsrer Stärcke.
Die Last ist deinem Geiste gleich:
Leid, Mariane, Stoß und Streich,
Damit man deine Größe mercke.