Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Wie bald ein Paradies so Schlang als Tod gebähre von

Auf das Absterben der wohlgebohrnen Frauen Hedwig von Wenzky, vermehlten von Bock, Frauen auf Roschkowiz

A. 1715. den 2. Apr.

Wie bald ein Paradies so Schlang als Tod gebähre,
Das Feld um Jericho an Mördern fruchtbahr sey,
Wie plözlich Glück und Zeit durch seine Tyranney
Ein schönes Nazareth in ein Bochim verkehre,
Erfuhr die alte Welt durch manches Trauerspiel,
Zu welchem Adams Fuß den ersten Auftritt machte,
So bald des Schöpfers Hand ihm nur die Kleidung brachte,
Nachdem der Unschuldsrock von seinem Halse fiel.

Betrübtes Roschkowiz! Ach wären nur die Fälle
Vor Alters und darbey im Morgenland geschehn,
So dürft ich heute nicht mit Wiederwillen sehn,
Wie das Verhängnüß dich in ihr Register stelle.
Ich weis nicht, welcher Trieb mir an das Herze greift,
Da ich den stumpfen Kiel, dich zu beklagen, schärfe
Und einen naßen Blick auf deine Gegend werfe,
Auf der ein Thränenbach die faule Loh ersäuft.

Dein angenehmer Kreiß, dein schmeichlendes Gefilde,
In welchem, wenn der Sud auf dem Geträide schift,
Die Einfalt der Natur den Mahler übertrift,
Macht unser Schlesien zu Edens Ebenbilde.
Der Tag gab gute Nacht, der Abend ward gleich jung,
Als ich den ersten Fuß auf deinen Boden sazte;
Der West, so dazumahl mit deinen Linden schwazte,
Bezaubert noch mein Ohr durch die Erinnerung.

Wie ofters reizte mich die Wollust deiner Auen,
Wenn mir ein heitrer Tag die Lust zur Arbeit stahl,
Bald einen frischen Hayn, bald ein lebendig Thal,
Bald die Ergözligkeit der Wiesen anzuschauen.
Wann dann nun der Horaz, so mein Gefehrte war,
Sein Tibur mir beschrieb, so kont ich hier das Wesen
Gleichwie den Schattenriß aus seinem Buche lesen
Und nahm der Müdigkeit nur aus dem Schweiße wahr.

Nunmehr verringert sich die Anmuth deiner Gränzen,
Da der verworfne Merz dein wohlgebohrnes Haupt
Der Crone deines Schmucks, dich deiner Pracht beraubt
Und Strahlen schwarzer Luft um deine Förste glänzen.
Die Äcker fühlen es, die Hügel stehn gebückt,
Die Triften liegen kahl, die Zierligkeit der Felder
Verläst ihr Vaterland, verkreucht sich in die Wälder,
Durch die der Wiederschall den Donner weiter schickt.

Des Unglücks Nachbarschaft rührt die bestürzten Fichten
Und zwingt ihr stolzes Haupt, den Gipfel einzuziehn;
Das Gras vergißt den Lenz, die Blumen aufzublühn
Und Philomele selbst, die Kinder abzurichten.
Das Auge, das sich sonst an deiner Lust versah,
Begleitet ihre Flucht mit wehmuthsvollen Zähren.
So kan ein Paradies bald Schlang und Tod gebähren,
So wird aus Nazareth ein wüstes Amana.

Wer glaubt wohl also nicht den Wechsel unsrer Zeiten,
Der einst dem Belsazer den Hochmuthsflügel band?
So weit der Allmachtarm den Himmel ausgespannt,
Regiert ein steter Krieg und allgemeines Streiten;
Vergnügung und Verdruß, Gefahr und Sicherheit,
Ja Bliz und Sonnenschein sind hier wie Schmerz und Wunden,
Die eine Faust gebiehrt, einander stets verbunden
Und dienen allerseits der Unbeständigkeit.

Dies herrschsuchtsvolle Weib bemeistert alle Sachen
Und trozt wie Circens Stab auf die Verwandlungskunst.
Der Erstling ihrer Schoos ist Hof- und Herrengunst;
Ihr Wort klingt starck genung, den Frevel taub zu machen;
Von ihrer Willkühr hangt der Menschen Lebenslauf;
Ihr Wille baut und sezt gar oft den Sarg zur Wiege,
Auf Alexanders Grab den Gränzstein seiner Siege
Und hält mit Josua die Sonn im Mittag auf.

Nichts schreibt sich von der Welt, dem ihr Befehl nicht gelte.
Policrates hat selbst vor ihr nicht ewig Ruh.
Das Meer hegt Ebb und Fluth, der Mond nimmt ab und zu,
Der Abend winckt der Nacht, das Jahr bringt Schweiß und Kälte,
Ein stürmischer April verfolgt den Frühlingsschein,
Der Himmel kleidet sich in mehr als eine Farbe,
Das Erdreich prüft die Last des Eißes und der Garbe
Und trinckt bald Reif und Schnee, bald Thau und Regen ein.

Heist nicht der Unbestand ein König aller Reiche,
Den das Verhängnüß wehlt und die Verwüstung crönt?
Sein Scepter, deßen Stahl das Gold der Fürsten höhnt,
Macht oft ein ganzes Land zu einer seltnen Leiche.
Carthago kennt nicht mehr das Feld, worauf es stund,
Seitdem des Nachbars Neid den Hannibal vertrieben;
Fragt man, wo Babels Stolz und wo sein Thurm geblieben,
So fällt die Antwort drauf: Der Giebel sucht den Grund.

Das aberglaubsche Volck, das Kohl und Lauch gepriesen
Und seine Götter stets des Gärtners Schuz empfahl,
Bedauret noch bis jezt Mausolens Ehrenmahl,
An dem der Jahre Macht ein Meisterstück erwiesen.
Corinth hat seinen Marckt, das Capitol den Staat,
Neu-Rom die Ähnligkeit, Athen sich selbst verloren,
Die Ceres aber da wohl tausendmahl gebohren,
Wo vormahls Helena ins Hochzeitbette trat.

Wer weis wohl, welcher Pflug des Hectors Rumpf zertheilet
Und wem sein Schulterblat das Grabscheit stumpf gemacht,
Wem Agamemnons Schwerd die Sichel zugedacht,
Ja wem Achillens Spies die Wunde schlägt und heilet?
Wer weis, welch geiles Ohr die Perlen abgelegt,
Aus welchen jezt ein Arzt den theuren Tranck bereitet?
Wer weis, wo Cäsars Faust mit der Verwesung streitet
Und welcher Sand sich auch mit seiner Asche schlägt?

Verstand und Wißenschaft sind gleichfalls solche Wahren,
So die Vergängligkeit auch in ihr Zollhaus ruft.
Wie mancher baut ihm nicht von Büchern eine Gruft,
Um seines Nahmens Ruf der Nachwelt vorzusparen!
Der seegelt in die Luft, der wirft sich in das Meer,
Der will des Leibes Bau, der einen Schluß zergliedern,
Der sucht das höchste Gut in seinen Buhlerliedern,
Der führt des Vaters Stamm aus Rolands Lenden her.

Ein andrer läst ihm nicht an einer Welt begnügen,
Da doch sein enger Kopf mit mehrern schwanger geht.
Sein Fuß hat nirgends Raum, bis er im Grabe steht;
Denn lehret ihn die Noth schmal und gedrange liegen.
Ach Klugen ohne Wiz! Wie? Habt ihr nicht gehört,
Daß der beherzte Mund der Römer auch erblaße
Und Archimedens Kunst den Maasstab furchtsam faße,
Wenn ein geschwinder Tod ihm seine Circkel stört?

Durchforscht man die Natur der menschlichen Gemüther,
Hilf Gott, was geben sie vor Proteus-Schwäger an!
Ein ungewißes Rohr, ein leichter Wetterhahn,
Ein Zeiger an der Uhr, der Wind, ein Ungewitter
Verändern kaum so bald Haupt, Schatten, Luft und Stand,
Kein Läufer so geschwind die Aussicht seiner Schrancken
Als das gescheute Thier den Abriß der Gedancken,
Nachdem der Zufall ihm den Spiegel zugewand.

Auch die Vertrauligkeit kan bald die Larve borgen:
Wer gestern Vivat sang, wird heute Zeter schreyn;
Der Mund führt Fluch und Kuß, die Zunge Ja und Nein,
Und was der Abend glaubt, das wiederruft der Morgen.
Wie mancher Lipsius, wie mancher Fenelon
Beschämt sein eignes Buch? Wie mancher Jonasbruder
Verwechselt den Beruf, nimmt vor den Stab das Ruder
Und schenckt der wilden See noch ein Chameleon?

Wie glücklich hat nun der sein Wohlseyn überleget,
Der ihm ein fester Land zu seiner Ruh erwehlt,
Die Elendsinsel flieht und alle Stunden zehlt,
Bis die erwüntschte kommt und seine lezte schläget!
Er langet nach der Hand, die uns aus Sodom zieht,
Und spricht: Wir haben hier zum Bleiben keine Stätte,
Wenn er wie Daniel mit eifrigem Gebethe
Aus Babels Fenstern stets nach seiner Heimath sieht.

Dein Geist, Hochseeligste, stieg durch des Leibes Bürde
Gleichwie ein Palmenbaum durch seine Last empor;
Du stelltest dir die Welt als eine Grube vor
Und wüntschtest, daß der Tod dein Ebedmelech würde.
Die Unbeständigkeit, die hier beständig wohnt
Und niemahls als zur Zeit der Trübsahl dich verlaßen,
Befestigte den Schluß, den Pilgrimstab zu faßen,
Der durch ein ewig Haus dir jezt den Weg belohnt.

Vergiß der alten Angst so vieler bösen Nächte
Und schlaf den starcken Rausch des Myrrhenkelches aus.
Verfällt dein Cörper jezt in Moder, Asch und Graus,
So bringt ihn dermahleinst die Allmachtshand zu rechte.
Du hast es freylich wohl um meine Hand verdient,
Daß ihre Danckbarkeit dein Lob in Marmor grübe;
Die Tugend überhebt die Schwachheit meiner Liebe
Und pflanzet deinen Ruhm da, wo er ewig grünt.