Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Vermöchten Übung, Wiz, Erfahrung, Fleiß und Wißen von

Auf das Absterben des Herrn Johann Jacob Vogts, fürstl. sächsischen eisenachischen Hof- und Univ.- Apotheckers in Jena

1723. den 24. Jenner.

Vermöchten Übung, Wiz, Erfahrung, Fleiß und Wißen
Die Macht der Sterbligkeit in Gränzen einzuschließen,
Und könte Theophrast der Schickung wiederstehn,
So dürften diesen Tag so viel getreue Thränen,
So manches Krancken Trost, so vieler Freunde Sehnen
Nebst unsrer Schuldigkeit nicht mit zur Leiche gehn.

So aber stellt uns jezt das klägliche Gedränge,
Der Kleider finstre Nacht, der Seufzer Ernst und Menge
Vom neuen den Beweis der alten Warheit vor:
Daß noch kein Lullius den Schaz aus Tiegeln zwinge,
Der unserm Leben hier die Dauer wiederbringe,
Die mit der Unschuld sich bald aus der Welt verlor.

Dies macht nun, Seeligster, daß wir mit naßen Klagen
Das Pfand betrübter Pflicht zum Leichenopfer tragen
Und dein bestürztes Haus voll stummes Jammers sehn:
O war denn hier kein Weg, der Schickung auszuweichen?
O war denn hier kein Rath in drey so großen Reichen,
Der Parzen güldnen Draht dir weiter auszudrehn?

Umsonst; Gold, Bezoar und alle theure Sachen,
Die Schüler des Galens zu Wundercuren machen,
Sind Mittel, deren Kraft nur Wind und Ohnmacht heist.
Kein zehnfach Recipe hält Streich und Tod zurücke;
Denn bricht die Vorsicht schon das Stundenglas in Stücke,
So läst die Kunst den Arzt so wie der Leib den Geist.

Ist dieses nun der Lohn vor so viel schöne Proben,
Die deine Wißenschaft und deine Sorgfalt loben,
Die manchem Podalir die Cur vergnügt gemacht?
Ist dies die Danckbarkeit der großen Meditrine,
Zu deren Dienst und Ruhm dein Fleiß nach Art der Biene
Gesammlet und geschwizt und bey der Glut gewacht?

Ist dieses nun der Danck, daß sie in ihren Kräften
Zu deinen durch den Schmerz verflognen Lebenssäften
Im Lager, das dich drückt, kein Nahrungsmittel sieht?
Was hilfts nun, daß du sonst so klug vor sie gewesen?
Jedoch wir irren uns, jezt bistu recht genesen,
Da dich des Höchsten Hand dem Lazareth entzieht.

Wir meinen, Seeligster, das Lazareth der Erden;
In dieses kommen wir, so bald wir Menschen werden,
Und dieses macht das Gift von Evens Näscherey.
Seitdem der Apfelbiß uns Fleisch und Blut verdorben
Und wir in Adams Fall der Freyheit abgestorben,
Ist unser Leben hier und Kranckseyn einerley.

Wir tragen, ists nicht wahr, den Aussaz grober Sünden,
Die Schlafsucht läst sich oft im Christenthume finden,
Des Ärgernüßes Pest steckt allenthalben an;
Der Ehrgeiz fühlt und liebt die Windsucht im Gemüthe,
Der Wollust heißer Brand entzündet das Geblüte,
Von dem der dürre Geiz sich kaum mehr nähren kan.

Dich also, Seeligster, mit Wehmuth zu beweinen,
Könt etwan eher Neid als Pflicht und Liebe scheinen;
Du bist nun recht gesund und in ein Land versezt,
In welchem nun nicht mehr Pest, Brand und andre Seuchen
Wie hier in Mesechs Kluft noch oft im Finstern schleichen
Und wo kein eitler Dunst dein Auge mehr verlezt.

Gehört auch, wie man meint, der Nachruhm zu dem Leben,
So wird auch dieser dir ein frisch Gedächtnüß geben,
Weil doch noch unter uns vielleicht ein Celsus ist,
Der deine Scheidekunst zur rechten Hand gebrauchet
Und, wenn ihm künftighin Capell und Ofen rauchet,
Bey seiner Arbeit dich mit Sehnsucht starck vermißt.

Nur die, nur die allein verdient gerechte Zähren,
Die, deren Lieb und Schmerz sich jezo stumm erklären
Und an der Heftigkeit in gleichem Grade gehn;
Sie sizt in Einsamkeit bey ihres Gatten Raube
Und seufzt und weint und girrt nach Art der Turteltaube
Und ist sich selbst zu schwach, den Kummer auszustehn.

Kein Balsam Gileads, kein Pflaster hilft den Wunden,
Die sie in ihrer Brust so starck und tief empfunden;
Drum prahlen wir auch nicht mit viel Beredsamkeit,
Bedauren aber nur den Wuntsch der Patienten,
Die noch durch unsern Vogt mehr Hofnung schöpfen könten,
Und überlaßen ihr den besten Trost: die Zeit.