Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Aus Menons Klage von

Aus Menons Klage

1
Licht der Liebe! scheinest du denn auch Toten, du goldnes!
Bilder aus hellerer Zeit leuchtet ihr mir in die Nacht?
Liebliche Gärten, seid, ihr abendrötlichen Berge,
seid willkommen, und ihr, schweigende Pfade des Hains,
Zeugen himmlischen Glücks, und ihr, hochschauende Sterne,
die mir damals oft segnende Blicke gegönnt!
Euch, ihr Liebenden, auch ihr schönen Kinder des Maitags,
stille Rosen und euch, Lilien, nenn ich noch oft!
Ihr Vertrauten! ihr Lebenden all, einst nahe dem Herzen,
einst wahrhaftiger, einst heller und schöner gesehn.
Wohl gehn Frühlinge fort, ein Jahr verdränget das andre,
wechselnd und streitend, so tost droben vorüber die Zeit
über sterblichem Haupt, doch nicht vor seligen Augen,
und den Liebenden ist anderes Leben geschenkt.
Denn sie alle, die Tag und Jahre der Sterne, sie waren,
Diotima! um uns innig und ewig vereint.

2.
Aber wir, zufrieden gesellt, wie die liebenden Schwäne,
wenn sie ruhen am See, oder, auf Wellen gewiegt,
niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich spiegeln,
und ätherisches Blau unter den Schiffenden wallt,
so auf Erden wandelten wir. Und drohte der Nord auch,
er, der Liebenden Feind, klagenbereitend, und fiel
von den Ästen das Laub, und flog im Winde der Regen,
ruhig lächelten wir, fühlten den eigenen Gott
unter trautem Gespräch, in einem Seelengesange,
ganz in Frieden mit uns kindlich und freudig allein.
Aber das Haus ist öde mir nun, und sie haben mein Auge
mit genommen, auch mich hab ich verloren mit ihr.
Darum irr ich umher und wohl, wie die Schatten, so muß ich
leben, und sinnlos dünkt lange das übrige mir.