Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Stilles Erwarten von

Stilles Erwarten

Armes Herz, wann endet sich endlich dieses Sehnen?
Wann, o! wann versiegen sie, diese bittern Thränen?
Wie am schwülen Sommertag seufzt nach Thau die Rose,
Wie das kranke Kind sich sehnt nach der Mutter Schooße,
So verlangt mein Herz nach Dir, einzig Holder, Lieber!
Ach, das Leben ohne Dich wird mir täglich trüber.

Wenn das Morgenroth erscheint, ruf' ich: Ach, erscheine!
Kommt der Mond, Dein sanftes Bild, sitz' ich noch und weine,
Daß ich Dich, o göttlich Herz! ach! so spät erkannte,
Daß in dieser sünd'gen Brust fremdes Feuer brannte,
Daß ich Dich durch meine Schuld ließ am Kreuz erblassen,
Daß ich noch im Todeskampf treulos Dich verlassen!

O, nun muß auch ich Dir nach, auch mit Dir nun sterben!
Nimmer kann hienieden ich Ruh' und Trost erwerben.
Fühl' ich meine Wange kalt, meine Brust beklommen,
Sag' ich: Freue dich, mein Herz, bald nun wird Er kommen.
Seh' ich nur ein welkend Blatt fallen und erbleichen,
Lächl' ich still und sage mir: Bald wirst du ihm gleichen.

Doch so lang' dein Odem weht, sollst als Magd du dienen,
Ob es dir gelingen mag, deine Schuld zu sühnen;
Deiner Thränen herbe Fluth muß noch reicher fließen,
Und du mußt, o böses Herz, hier noch härter büßen.
Endlich rührt Ihn doch dein Leid, reget Sein Erbarmen,
Und du ruhst in Ewigkeit in des Ew'gen Armen.

Herbst 1820.