Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Mignon von

Mignon

1

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn,
im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst Du es wohl?
Dahin, dahin
möcht ich mit Dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst Du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan? —
Kennst Du es wohl?
Dahin, dahin
möcht ich mit Dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst Du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst Du ihn wohl?
Dahin, dahin
geht unser Weg. O, Vater, laß uns ziehn!


2

Nur wer die Sehnsucht kennt,
weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
von aller Freude,
seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach, der mich liebt und kennt,
ist in der Weite!
Es schwindelt mir, es brennt
mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
weiß, was ich leide!


3

So laßt mich scheinen, bis ich werde;
zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh ich eine kleine Stille,
dann öffnet sich der frische Blick.
Ich lasse dann die reine Hülle,
den Gürtel und den Kranz zurück.

Und jene himmlischen Gestalten,
sie fragen nicht nach Mann und Weib,
und keine Kleider, keine Falten
umgeben den verklärten Leib.

Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe,
doch fühlt ich tiefen Schmerz genung.
Vor Kummer altert ich zu frühe -
macht mich auf ewig wieder jung!