Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Una ex hisce morieris von

Una ex hisce morieris

Es flammt der Horizont des heißen Tages.
Der Schmetterlinge Flügelschlag ist hörbar,
so still weht Baum und Blatt im Sonnenschein.
Auf fernem Steig klingt schwach des Gärtners Harke.
?In einer dieser Stunden wirst du sterben."
steht auf der Sonnenuhr im großen Garten,
auf deren Weiser sich ein alter Spatz
den unscheinbaren Kragen emsig putzt,
und schnell das schiefgebogne Köpfchen kraut.
Dann fliegt er weg, im Kirschenbaum zu landen.
Doch unterwegs schlägt ihn der böse Falk.

?In einer dieser Stunden wirst du sterben."

Bewegung. Menschen. Nackte braune Arme
schleifen zum Teich ein breites Fischernetz.
Dann warten sie gehorsam auf Befehl
zum Anfang.
Goldne Gittertore springen,
und trotz der Schwüle naht in schwerem Samt
die junge wunderschöne Königin.
Auf blonder Pagen Arme schläft die Schleppe.
Rechts trägt das Dach, den riesigen Sonnenschirm,
ein Mohrenkind in gelb und roter Seide.
Links hält ein schlanker Fant im Puffenwams,
mit dem sie huldvoll spricht, den gleichen Schritt;
im schaukelnden Gehenke blitzt sein Dolch.
Der Kammerherr vom Tag und ihre Damen
folgen in ehrerbietiger Entfernung.
Inzwischen ist die Fürstin angelangt
und hat im Marmorsessel Platz genommen,
den Fuß auf raschgelegten Teppich setzend.

Der Zug beginnt, ganz wie zu Petri Tagen:
Im Netze zappeln Karpfen und Karauschen
mit dummen Augen, schnappend, schwer geänstigt.
Die Hoheit lacht, die Kavaliere lächeln,
es grinst das Mohrenkind, die Pagen kichern.
Und in der allgemeinen Lustigkeit,
das braune Auge plötzlich aufschlagend
zum schlanken Fant im blauen Puffenwams,
flüstert harmlos die junge Königin:
?Bei Mondesaufgang an der Sonnenuhr!"

Da stürzt ein Pfeil aus dunklem Tannenbusch,
geschnitzt aus eines plumpen Störes Gräte,
mit Lust ins liebesehnsuchtvolle Herz
der jungen wunderschönen Königin.

?In einer dieser Stunden wirst du sterben."