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Venedig von

Venedig

1
Mein Auge ließ das hohe Meer zurücke,
als aus der Flut Palladios Tempel stiegen,
an deren Staffeln sich die Wellen schmiegen,
die uns getragen ohne Falsch und Tücke.

Wir landen an, wir danken es dem Glücke,
und die Lagune scheint zurück zu fliegen,
der Dogen alte Säulengänge liegen
vor uns gigantisch mit der Seufzerbrücke.

Venedigs Löwen, sonst Venedigs Wonne,
mit ehrnen Flügeln sehen wir ihn ragen
auf seiner kolossalischen Kolonne.

Ich steig ans Land, nicht ohne Furcht und Zagen,
da glänzt der Markusplatz im Licht der Sonne:
Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen?

2
Dies Labyrinth von Brücken und von Gassen,
die tausendfach sich ineinander schlingen,
wie wird hindurchzugehn mir je gelingen?
wie werd ich je dies große Rätsel fassen?

Ersteigend erst des Markusturms Terrassen,
vermag ich vorwärts mit dem Blick zu dringen,
und aus den Wundern, welche mich umringen,
entsteht ein Bild, es teilen sich die Massen.

Ich grüße dort den Ozean, den blauen,
und hier die Alpen, die im weiten Bogen
auf die Laguneninseln niederschauen.

Und sieh! da kam ein mutges Volk gezogen,
Paläste sich und Tempel sich zu bauen
auf Eichenpfähle mitten in die Wogen.

3
Wie lieblich ists, wenn sich der Tag verkühlet,
hinaus zu sehn, wo Schiff und Gondel schweben,
wenn die Lagune ruhig, spiegeleben,
in sich verfließt, Venedig sanft umspület!

Ins Innre wieder dann gezogen fühlet
das Auge sich, wo nach den Wolken streben
Palast und Kirche, wo ein lautes Leben
auf allen Stufen des Rialto wühlet.

Ein frohes Völkchen lieber Müßiggänger,
es schwärmt umher, es läßt durch nichts sich stören,
und stört auch niemals einen Grillenfänger.

Des Abens sammelt sichs zu ganzen Chören,
denn auf dem Markusplatze wills den Sänger,
und den Erzähler auf der Riva hören.

4
Venedig liegt nur noch im Land der Träume,
und wirft nur Schatten her aus alten Tagen,
es liegt der Leu der Republik erschlagen,
und öde feiern seines Kerkers Räume.

Die ehrnen Hengste, die durch salzge Schäume
dahergeschleppt, auf jener Kirche ragen,
nicht mehr dieselben sind sie, ach, sie tragen
des korsikanschen Überwinders Zäume.

Wo ist das Volk vn Königen geblieben,
das diese Marmorhäuser durfte bauen,
die nun verfallen und gemach zerstieben?

Nur selten finden auf der Enkel Brauen
der Ahnen große Züge sich geschrieben,
an Dogengräbern in den Stein gehauen.

5
Es scheint ein langes, enges Ach zu wohnen
in diesen Lüften, die sich leise regen,
aus jenen Hallen weht es mir entgegen,
wo Scherz und Jubel sonst gepflegt zu thronen.

Venedig fiel, wiewohls getrotzt Äonen,
das Rad des Glücks kann nichts zurückbewegen:
Öd ist der Hafen, wenge Schiffe legen
sich an die schöne Riva der Sklavonen.

Wie hast du sonst, Venetia, geprahlet
als stolzes Weib mit goldenen Gewändern,
so wie dich Paolo Veronese malet!

Nun steht ein Dichter an den Prachtgeländern
der Riesentreppe staunend und bezahlet
den Tränenzoll, der nichts vermag zu ändern!

6
Hier seht ihr freilich keine grünen Auen,
und könnt euch nicht im Duft der Rosen baden;
doch was ihr saht an blumigern Gestaden,
vergeßt ihr hier und wünscht es kaum zu schauen.

Die sternge Nacht beginnt gemach zu tauen,
und auf den Markus alles einzuladen:
Da sitzen unter herrlichen Arkaden,
in langen Reihn, Venedigs schönste Frauen.

Doch auf des Platzes Mitte treibt geschwinde,
wie Canaletto das versucht zu malen,
sich Schar an Schar, Musik verhaucht gelinde.

Indessen wehn, auf ehrnen Piedestalen,
die Flaggen dreier Monarchien im Winde,
die von Venedigs altem Ruhme strahlen.

7
Wenn tiefe Schwermut meine Seele wieget,
mags um die Buden am Rialto flittern:
Um nicht den Geist im Tande zu zersplittern,
such ich die Stille, die den Tag besieget.

Dann blick ich oft, an Brücken angeschmieget,
in öde Wellen, die nur leise zittern,
wo über Mauern, welche halb verwittern,
ein wilder Lorbeerbusch die Zweige bieget.

Und wann ich, stehend auf versteinten Pfählen,
den Blick hinaus ins dunkle Meer verliere,
dem fürder keine Dogen sich vermählen:

dann stört mich kaum im schweigenden Reviere,
herschallend aus entlegenen Kanälen,
von Zeit zu Zeit ein Ruf der Gondoliere.

8
Ich liebe Dich, wie jener Formen eine,
die hier in Bildern uns Venedig zeiget:
Wie sehr das Herz sich auch nach ihnen neiget,
wir ziehn davon und wir besitzen keine.

Wohl bist Du gleich dem schöngeformten Steine,
der aber nie dem Piedestal entsteiget,
der selbst Pygmalions Begierden schweiget,
doch seis darum; ich bleibe stets der Deine.

Dich aber hat Venedig auferzogen,
Du bleibst zurück in diesem Himmelreiche,
von allen Engeln Gian Bellins umflogen:

Ich fühle mich, indem ich weiterschleiche,
um eine Welt von Herrlichkeit betrogen,
die ich den Träumen einer Nacht vergleiche.

9
Was läßt im Leben sich zuletzt gewinnen?
Was sichern wir von seinen Schätzen allen?
Das goldne Glück, das süße Wohlgefallen,
sie eilen - treu ist nur der Schmerz - von hinnen.

Eh mir ins Nichts die letzten Stunden rinnen,
will noch einmal ich auf und nieder wallen,
Venedigs Meer, Venedigs Marmorhallen
beschaun mit sehnsuchtsvoll erstauntem Sinnen.

Das Auge schweift mit emsigem Bestreben,
als ob zurück in seinem Spiegel bliebe,
was länger nicht vor ihm vermag zu schweben;

zuletzt, entziehend sich dem letzten Triebe,
fällt ach! zum letztenmal im kurzen Leben
auf jenes Angesicht ein Blick der Liebe.