Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Einer Toten von

Einer Toten

Wie fühl ich heute Deine Macht,
als ob sich Deine Wimper schatte
vor mir auf diesem ampelhellen Blatte
um Mitternacht!
Dein Auge sieht
begierig mein entstehend Lied.

Dein Wesen neigt sich meinem zu,
Du bists! Doch Deine Lippen schweigen,
und liesest Du ein Wort, das zart und eigen,
bists wieder Du,
Dein Herzensblut,
indes Dein Staub im Grabe ruht.

Mir ist, wenn mich Dein Atem streift,
der ich erstarkt an Kampf und Wunden,
als seist in Deinen stillen Grabesstunden
auch Du gereist
an Liebeskraft,
an Willen und an Leidenschaft.

Die Marmorurne setzten Dir
die Deinen - um Dich zu vergessen,
sie erbten, bauten, freiten unterdessen;
Du lebst in mir!
Wozu beweint?
Du lebst und fühlst mit mir vereint!