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Die Klage von

Die Klage

1
Nach meiner Lieb viel hundert Knaben trachten,
allein der, den ich lieb, will mein nicht achten.
Ach, weh mir armen Maid, vor Lieb muß ich verschmachten.

Jeder begehrt zu mir sich zu verpflichten,
allein der, den ich lieb, tut mich vernichten,
Ach, weh mir armen Maid, was soll ich dann anrichten?

All andre tun mir Gutes viel verjehen,
allein der, den ich lieb, mag mich nicht sehen,
Ach, weh mir armen Maid, wie muß mir dann geschehen.

Von allen keiner mag mir widerstreben,
allein der, den ich lieb, will sich nicht geben,
Ach, weh mir armen Maid, was soll mir dann das Leben?

2
Ich bin gen Baden zogen,
zu löschen meine Brunst,
so find ich mich betrogen,
denn es ist gar umsunst;
wer kann das Feuer kennen,
das mir mein Herz tut brennen!

Ich tu mich vielmals wäschen
mit Wasser kalt und heiß,
und kann doch nicht erlöschen,
ja, mein kein Rat mehr weiß,
kann nicht das Feuer kennen,
das mir im Herz tut brennen.

3
Wer sehen will zween lebendige Brunnen,
der soll mein zwei betrübte Augen sehen,
die mir vor Weinen schier sind ausgerunnen.

Wer sehen will viel groß und tiefe Wunde,
der soll mein sehr verwundtes Herz besehen,
so hat mich Lieb verwundt im tiefsten Grunde.

4
Recht wie ein Leichnam wandle ich umher
zu seiner Türe nachts und seufze schwer
aus meiner Brust, an Trost und Wohlsein leer.

Mein Atem stöhnet wie ein Fichtenwald,
ein Unglückzeichen mein Gesang erschallt,
daß alle Nachbarn sich ergrimmen bald.

Sie lärmen, nicht zu hören all mein Weh,
sie nehmen Umweg, daß mich keiner seh.
Jetzt fürcht ich nichts, war scheu sonst wie ein Reh.

Wie von Ast im Traum ein Vogel fällt,
so flattre ich des Nachts, so ungestellt;
ein Unglücksvogel nimmermehr gefällt!

Was soll draus werden? fraget alle Welt.
Was ist die Welt? Wer schuf sie unbestellt?
Die schuf allein, die mich so sehr entstellt.

Ich freu mich, wie mein Fleisch so schwinden tut,
mein festes Land zerreißt der Strom vom Blut,
der aus dem Herzen kommt und niemals ruht.

O meine Tränen, keiner schätzet euch,
ihr seid den Himmelsgaben darin gleich;
an allen bin ich arm, in euch so reich.