Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Das Grab von

Das Grab

Der hier liegt, ist es nicht. Ihr müßt
Wo anders suchen, daß ers sei.
Nicht unter schwerem Steingerüst
Liegt er gefesselt, sondern frei.

In seinem Wort- Gewölk dort schwebt
Er über euch, im sommerlichen,
Im herbstlichen, von Schnee durchwebt,
Im Frühjahr, wenn das Eis gewichen.

Im märzlich kühlen Hauch, der trägt
Schneeglockenduft aus Kelchen zart,
Im Amselruf, der lockend schlägt
Vom Dachfirst traurig-süßer Art.

Dann zagt ein ganz versteckter Duft:
Veilchen aus altem Gartenbeet,
So zag, daß selbst die milde Luft
Ihn kaum auf wenige Schritte weht.

Bück dich hinab: das Abgrunds-Blau,
Duft, tief und still, eröffnet sich
Aus Kelchen winzig, ungenau,
Fast nicht zu sehen: das bin ich.

Dort ist mein Grab, wo Erde licht
Und duftend wird und feierlich.
Dort hebe, neige dein Gesicht
Und lausch! Es haucht: Ich liebe dich.