Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Traum. von

Traum.

Mir ist, als ob mich umwehte
Eines Tabakwölkchens Duft;
Ein Ton wie von schwirrenden Saiten
Zieht klingend durch die Luft.
Auf dem Tisch im flimmernden Glase
Der mattgelben Rosen Pracht!
Die hat mir vor einer Stunde
Mein Herzallerliebster gebracht.
Da hielt er mich fest in den Armen
Und küßte mich heiß auf den Mund;
Wo konnt' ich wohl sicherer ruhen
Auf weitem Erdenrund?
Wie sprachen mir seine Augen,
Von Liebe und fester Treu!
Was sonst mich erfreute im Leben,
Ich hab' es vergessen dabei.
Dann ist er lächelnd gegangen. --
Ich meine vor einer Stund'
Da küßte er meine Augen,
Da küßte er meinen Mund.
Vor einer Stunde! O Himmel,
Wie viele sanken wohl ins Grab
Seit ich meinen Herzallerliebsten
Für immer verloren hab?
Ich weiß es nicht, ruhelos treibt es
Umher mich seit jenem Tag;
Sie sind so leer nun die Stunden,
Daß ich sie nicht zählen mag.
Noch immer ist mir's, als fühlt' ich
Die Nähe von meinem Schatz;
Oft seh' ich mit jähem Erschrecken
Am Tische den leeren Platz.
Und all die kleinen Dinge,
Die seine Hand einst berührt,
Mein Eckchen mit Büchern und Bildern,
Wohin er so gern mich geführt,
Die nun verstummten Tasten,
Die sehen mich fragend an,
Warum ich wohl ihre Klänge
Nimmermehr hören kann.
O du! Meine ganze Seele
Umfaßt dich ja noch so fest,
Daß sich ihr tiefstes Wesen
Von dir nicht trennen läßt.
Ich fühle dich noch so deutlich --
Gewiß, du kamst mir zurück
Und schaust mir jetzt über die Schulter,
O du mein ganzes Glück!
Und wenn ich die Augen nun hebe,
Schau ich in dein liebes Gesicht --
O laßt mir die selige Täuschung,
O stört mir den Zauber nicht!