Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Gefangen. von

Gefangen.

Ein Mägdlein hat sich hingetan
Im tiefen Wald alleine,
Da hört sie ruhend Schritte nahn,
Es rascheln Laub und Steine.
Und schau! der junge Jägersmann,
Den gar so gut sie leiden kann,
Kommt durch des Waldes Mitten
Grad' auf sie zugeschritten.

Sie denkt: nur schnell die Augen zu!
Schalkhaft, wie sie gesinnet,
Und angestellt, als schliefest du!
Was er dann wohl beginnet?
Sie blinzelt durch die Wimpern dicht,
Er kommt! er kommt! nun rühr' dich nicht!
Sie liegt wie hingegossen,
Von Schlummer fest umschlossen.

Der Jäger, was er unterm Baum
Sieht unverhoffter Weise,
Traut seinen eignen Augen kaum,
Schleicht näher doch ganz leise,
Daß unterm Fuß kein Ästlein kracht
Und nicht die holde Maid erwacht.
Doch die scheint traumumdämmert,
Derweil ihr Herzchen hämmert.

Wie Füchslein vor dem Eisen gar
Steht er und starrt und stocket,
Indes ihr rotes Lippenpaar
Ihn recht als Köder locket.
Wenn ich nur wüßt', denkt er dazu,
Daß sie nicht aufwacht, wenn ich's tu'!
Am Ende wird sie böse,
Wenn ich vom Schlaf sie löse.

Das Mündlein ist ein Erdbeer rot,
So beut sich's ihm nie wieder,
Und sacht in süßer Herzensnot
Bückt er zum Kuß sich nieder.
Schnapp! schlagen da zwei Arme zu
Rund um den Hals ihm, und im Nu
Sitzt in den weichen Zangen
Jung Jägersmann gefangen.