Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

An einen Freund von

An einen Freund

Umsäuselt von des Frühdufts süßen Lüften,
Schau ich an meines Fensters Rand gelehnt
Vergeblich spähend durch die grünen Triften,
Und oft vom Schein getäuscht mein Auge wähnt:
Es hebe fern sich in den Morgendüften
Der Türme Heer, das Münster stolz umkrönt,
Und flüsternd hallt zu dir durchs Taugeflimmer
Mein leiser Laut: nahst du, o Freund, denn nimmer?

Schon ist ein Mond entschwunden, seit vergebens
Die Freundin dein mit stiller Sehnsucht harrt.
Sie fühlt nur halb den Lenz voll jungen Strebens,
Und halb noch scheint ihr die Natur erstarrt.
Dein Leben fehlt, der schönere Teil des Lebens,
Des Freundes heitre holde Gegenwart;
Dem duftet nie der Freude schönste Blüte,
Der sie verschließt im einsamen Gemüte.

Ein Chaos, liegt die Welt vor seinen Blicken
In graue Dämmerung eingehüllt, er schaut
Das nächste nur, wohl kann es ihn beglücken,
Und wohl erreicht sein Ohr der neue Laut.
Doch nimmer wird das Ganze ihn entzücken,
Nie wird ihm seine Harmonie vertraut.
Durch Blüten wandelt er und grüne Weiden,
Und achtlos tritt sein Fuß die kleinen Freuden.

Doch wenn der Freundschaft Morgensonne glühend
Mit hellem Strahl das Dämmertal durchbebt,
Dann ist's, als wenn ein düstrer Dämon fliehend
Von seinem Busen Felsenlasten hebt.
Er sieht das Tal mit tausend Pflänzchen blühend,
In jedem Blättchen eine Freude lebt.
Was er für tote Masse nur gehalten,
Sieht er mit tausend Reizen sich gestalten.

O nahe dich, daß freundlich mir und golden
Belebe sich die blühende Natur;
Es füllen Blumen rings und helle Dolden
Mit süßem Wohlgeruch die Lüfte nur.
Der Äther schallt vom Festgesang der holden
Gefiederten Bewohner dieser Flur.
Seit Monden schon entfloh des Winters Trauern,
Was weilst du Teurer in den öden Mauern.