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Graf Rudolf von Habsburg als Schutzherr von Zürich von

Graf Rudolf von Habsburg als Schutzherr von Zürich

Wohl werden die seligsten Güter hienieden
Den Menschen gegeben im segnenden Frieden;
Doch sei auch gepriesen der stattliche Held,
Den rechtliche Fehde nur locket in's Feld.

Wenn lange Verheerung gewüthet im Lande,
So lösen sich feindlich die köstlichsten Bande,
Und was sonst die Anmuth des Lebens erschafft,
Es weicht vor der wilden, zerstörenden Kraft.

So waren auch oftmals in Deutschland zu schauen
Zur Wüste verwandelt die blühenden Gauen,
So glimmt in der ?kaiserlos schrecklichen Zeit"
Der Ritter und Städte verderblicher Streit.

Wohl hatte sich Zürich durch fleißiges Walten
Als Reichsstadt gar herrliche Rechte erhalten:
Es mehrte durch Handel und klugen Verkehr
Der Wohlstand der fleißigen Bürger sich sehr.

Dies sahen die Nachbarn mit neidischen Blicken,
Bald mußte zur Fehde der Vorwand sich schicken;
Es wimmeln die Burgen, im trotzenden Kreis,
Von muthigen Kämpen um glänzenden Preis.

Und kamen die Wagen der Zürcher gefahren,
So standen die Ritter mit reisigen Schaaren
Und forderten Gaben für sich'res Geleit,
Die klirrenden Schwerter zum Kampfe bereit.

Was galt nun der Reichthum an Waaren und Gelde,
Stets blieben die Ritter die Stärkern im Felde;
Oft sprengten die Reisigen hart an das Thor,
Und riefen verhöhnend die Städter hervor.

Von außen her mußte man Hülfe ersinnen,
Die Freistaaten waren nicht schwer zu gewinnen;
Doch mangelt ein Führer in naher Gefahr,
Der edle und tapfer und sieggewohnt war.

Zu Lütold von Regensberg wollte man senden,
Man eilt ihm gar herrliche Gaben zu spenden,
Und bittet um freundliche Leitung und Schutz,
Der, meinte man, böte den übrigen Trutz.

Doch ward die Gesandschaft gar schnöde empfangen.
?Ihr seid wie das Fischlein im Netze gefangen!
? Rief höhnisch der Freiherr: ? Ihr lachtet mich aus,
Ließ ich aus den Garnen das Fischlein heraus.

?Bedürft ihr der Leitung? so laßt euch bequemen,
Gesetze von mir, als dem Herrscher, zu nehmen:
Dann sei euch mein Name ein mächtiger Schild,
Und wenn ihr es werth seid, regier' ich euch mild".

Gar tiefbetrübt kehrten die Boten zurücke;
Es schwindet der Muth mit dem wankenden Glücke,
Vor banger Erwartung erstickt in der Brust
Der Funke des Lebens, die heitere Lust.

Einst saßen die Aeltesten rathend beisammen,
Da hob sich ein Bürger, Hans Müller mit Namen,
Ein rüstiger Kämpfe, mit redlichem Sinn:
?Hört! ? rief er ? das Zögern bringt nimmer Gewinn.

?Hat Lütold von Regensberg spottend gescholten,
So wird wohl noch einstens die Schmach ihm vergolten,
Ich sagt' es euch damals, das Ziel ward verfehlt,
Ihr habt nur nach Glanz und nach Reichthum gewählt.

?Ich kenn' einen Edlen von hohem Geblüte,
Er sammelt nicht Schätze, doch tief im Gemüthe
Bewahrt er das herrlichste, dauernste Gut:
Vertrauen auf Gott und auf rechtlichen Muth!

?Und wollt ihr dazu mir die Vollmacht ertheilen,
So werd' ich zu Rudolf dem Habsburger eilen,
Es bringt euch sein Ruf viele Krieger in Sold;
Wer wäre dem stattlichen Führer nicht hold?

?Ich darf es wohl rühmen, er ist mir gewogen,
Bin öfter mit ihm in die Fehde gezogen;
Er gönnt mir auch immer ein freundliches Wort" ...
?Ja! ? riefen sie freudig ? Der sei unser Hort!?

Und gütig erhört der Beängstigten Flehen
Graf Rudolf von Habsburg; mit jedem Tag wehen
Viel Fähnlein Verbündetet lustig heran,
Und Jubel ertönt in den Mauern fortan.

Die Mannen des Grafen, die rheinischen Städte,
Die schlichten Bewohner der felsigen Kette,
Die muthigen Schwytzer sind alle bereit,
Für Rudolf und Zürich zu wagen den Streit.

Zwar jede Bewegung ließ Lütold erlauern;
Doch spottet er immer der Bürger und Bauern
Mit Toggenburg und den Baronen vereint;
Kaum würdig des Sieges bedünkt ihn der Feind.

?Der Habsburger mag sich nur selber verwahren!
? So ruft er im Hochmuth ? Die bäu'rischen Schaaren
Beschützen wohl schwerlich des Führers Gebiet,
Wenn rächend das Heer seine Burgen umzieht".

Doch immer besonnen, versammelt in Eile
Graf Rudolf die Seinen bei nächtlicher Weile;
Kaum graut noch im Osten ein spärlicher Tag,
So steh'n sie gerüstet, und fertig zum Schlag.

Und niemals gewohnt, seine Gegner zu zählen,
Sieht man die gefährlichsten Punkte ihn wählen.
Sein Beispiel ermuthigt; und jeden belebt
Das hohe Gefühl, das die Heldenbrust hebt.

Schon wanken die Feinde, der Sieg muß gelingen,
Den dichtesten Haufen will Rudolf bezwingen,
Da bäumt sich sein Rothroß, mit Wunden bedeckt;
Er liegt von dem Falle wie todt hingestreckt.

Die Seinen erstarren im Schmerzengefühle;
Rings um den Gefall'nen mit regem Gewühle
Vermehrt sich der Feinde erbitterte Schaar,
Und über dem Helden schwebt grause Gefahr.

Doch schon hat die Vorsicht den Retter gesendet,
Das Unglück vom würdigen Haupte gewendet,
Hans Müller, der Tapf're, hat Hülfe geschafft,
Den Grafen beschirmet mit riesiger Kraft.

Er wollt' ihn beständig im Kampfe geleiten,
Und hielt, als er stürzte, der Nächste zur Seiten;
Schnell springt er vom Pferde, und reißt ihn hervor,
Den Schild hält die Linke als Schutzdach empor.

Und nun muß der Graf seinen Goldbraun besteigen;
Er selber macht bald einen Rappen sich eigen,
Der herrenlos wüthet auf blutiger Bahn,
Und schließt, wie sein Schutzgeist, dem Grafen sich an.

Im Rettungsgefühle quillt doppeltes Leben,
Im freudigen Taumel der Seinen erheben
Sich schlummernde Kräfte; der Gegner entweicht,
Die Schlacht hat ein rühmliches Ende erreicht.

Und als den Altar sie nun dankend umgeben:
Und preisen den Gott, der den Sieg hat gegeben:
Da dankt auch Graf Rudolf dem Retter in Noth,
Er bleibt ihm gewogen in Leben und Tod. ? ?

Der Sieg ward errungen; doch nichts ist entschieden,
Die trotzigen Feinde verschmähen den Frieden;
Sie ziehen ihr Heer in die Festen zurück,
Durch zögernde List zu ermüden das Glück.

Doch Wachsamkeit stellt sich den Planen entgegen,
Und kühnere List bringt auf mancherlei Wegen
Die feindlichen Burgen zum schmählichen Fall,
Und Rudolf's Paniere auf feindlichen Wall.

So wollt' er durch Hunger die Utzenburg zwingen,
Nicht Menschen vertilgend im Sturme erringen:
Er hielt sie umschlossen im dichtesten Kreis;
Doch lange vergebens erharrte er den Preis.

Da warf einst vom Thurme herunter der Wächter
Ein lebendes Fischlein mit frechem Gelächter;
Man bringt es dem Grafen. ? ?Das gnade Dir Gott!
? so ruft er ? Und frommt wohl Dein tückischer Spott.

?Habt klug ihr den Bach in die Mauern geleitet,
Und so für den Nothfall auch Atzung bereitet,
So laßt's euch behagen in sicherer Ruh',
Es bringt wohl der Bach auch die Gäste dazu!"

Ein rüstiger Jäger, durchspäht er die Gründe,
Dringt kühn über Klippen in Höhlen und Schlünde,
Und über so manchen gefährlichen Steg,
Und findet den Bach und den heimlichen Weg.

Schnell sammelt er nun die getreuen Begleiter,
Und wählt zu dem Wagniß die tapfersten Streiter;
Er führt sie, gehüllt in den Schleier der Nacht,
Zum felsigen Gange, nur lässig bewacht.

Noch trunken vom Schlafe, und stumm vor Entsetzen,
Sind Ritter und Reisige; ? eilig besetzen
Des Grafen Gefährten den schützenden Wall
Und weit hin zum Lager tönt jubelnder Schall.

So naht er Schloß Baldern am frühesten Morgen,
Im Hinterhalt hatt' er viel Fußvolk verborgen;
Er fordert mit Hohn die Besatzung heraus,
Und locket sie fliehend in's Freie hinaus.

Das Fußvolk belehrt, auf den Abzug zu lauern,
Bemächtigt sich schnell der verlassenen Mauern.
Schon sind, die so fröhlich den Ausfall gewagt,
Gleich flüchtigem Wild, in die Falle gejagt.

Auf Schiffe geschichtet, gleich köstlichen Waaren,
Wird Kriegsvolk die Limmat hinunter gefahren,
Vorüber an Glanzenberg; klug und gewandt,
Erklimmt es am buschigen Ufer das Land.

Entkleidet, als hätten sie Schiffbruch gelitten,
Und schon in der Fluth mit dem Tode gestritten,
Erheben die Schiffer ein kläglich Geschrei,
Dies lockt die Besatzung der Feste herbei.

So können die Züricher zum Platze gelangen;
Und während die Wächter nach Beute verlangen,
Der Troß sich vergebens die Füße benetzt,
Wird Glanzenberg still ohne Schwertstreich besetzt.

Manch herrliches Wagstück war freilich gelungen,
Doch war noch nicht bleibende Ruhe errungen,
Des muthigen Kampfes erfreuliches Ziel,
Bis nicht die bedrohende Uetliburg fiel.

Vom Berge herab schienen trotzig die Mauern
In Zürich all Treiben und Thun zu belauern,
Blieb hier der beherrschende Lug in's Land steh'n,
So war's um den Handel und Wandel gescheh'n.

Da machte der Graf immer spähend die Runde;
Und einstens im Forste zur glücklichen Stunde
Erlauscht er zwölf Reiter, sie zogen hinaus
Zur Jagd und zum Raube, mit frohem Gebraus.

Grau waren die Pferde, die alle sich gleichen,
Ganz einerlei Helme, und Schilde, und Zeichen;
Sie kehren zur Feste bei dunkelnder Nacht,
Und täglich wird mancherlei Beute gebracht.

Er trachtet nun heimlich, sich ähnliche Waffen
Und Pferde und Zeichen für Geld zu verschaffen,
Als fern einst die Jäger sich tummeln im Wald,
Erscheint er zu Zwölfen in ihrer Gestalt.

Und läßt sich, als wär er im Felde geschlagen,
Von seinen Getreuen als Flüchtender jagen,
Ereilt die Feste im schnellesten Lauf,
Gleich sinket die Brücke, das Gitter fliegt auf.

Und nicht mehr mit ängstlich beflügeltem Schritte
Besetzen die Zwölfe des Einlaßthors Mitte,
Und die sie so heftig verfolgten zum Trug,
Die schließen sich wohlgemuth nun an den Zug.

Als kaum noch die Wächter den Irrthum gewahren,
So läßt man sie eilig ihr Schicksal erfahren:
Sie werden nach Zürich in Obhut gestellt,
Und später die Ritter zu ihnen gesellt.

Bald sinken der Uetliburg drohende Wälle,
Die Aussicht in bessere Zukunft wird helle,
Denn Rudolf von Habsburg hat alle besiegt,
Und nimmer das Recht der Gewalt unterliegt.


Da alle Gefährten von Lütold sich trennen,
Und Rudolfs Entscheidung als billig erkennen,
So wird er mit Dem, den er früher verhöhnt,
Jetzt nur durch Entsagung und Reue versöhnt.

Und was er so reichlich an Gütern besessen,
Das wird zum Ersatz nun der Stadt zugemessen;
Nur wenig behält er, lebt ruhig und klein
Zu Zürich, im bürgerlich schlichten Verein.

Und Rudolf, der für sein hochherziges Walten
Nichts als das Bewußtsein zum Lohne erhalten,
Auf Ehrfurcht und Liebe erwarb er das Recht,
Als herrliches Erbe dem ganzen Geschlecht.