Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Menons Klagen um Diotima von

Menons Klagen um Diotima

1

Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer,
Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;
Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch
ich,
Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,
Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die
Wälder,
Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;
Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz
ihm,
Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel
umher.
Nicht die Wärme des Lichts, und nicht die Kühle der
Nacht hilft,
Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden
umsonst.
Und wie ihm vergebens die Erd ihr fröhliches
Heilkraut
Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephyre
stillt,
So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und
niemand
Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen
Traum?


2

Ja! es frommet auch nicht, ihr Todesgötter! wenn
einmal
Ihr ihn haltet, und fest habt den bezwungenen Mann,
Wenn ihr Bösen hinab in die schaurige Nacht ihn
genommen,
Dann zu suchen, zu flehn, oder zu zürnen mit euch,
Oder geduldig auch wohl im furchtsamen Banne zu
wohnen,
Und mit Lächeln von euch hören das nüchterne Lied.
Soll es sein, so vergiß dein Heil, und schlummere
klanglos!
Aber doch quillt ein Laut hoffend im Busen dir auf,
Immer kannst du noch nicht, o meine Seele! noch
kannst dus
Nicht gewohnen, und träumst mitten im eisernen
Schlaf!
Festzeit hab ich nicht, doch möcht ich die Locke
bekränzen;
Bin ich allein denn nicht? aber ein Freundliches muß
Fernher nahe mir sein, und lächeln muß ich und
staunen,
Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist.


3

Licht der Liebe! scheinest du denn auch Toten, du
goldnes!
Bilder aus hellerer Zeit, leuchtet ihr mir in die
Nacht?
Liebliche Gärten seid, ihr abendrötlichen Berge,
Seid willkommen und ihr, schweigende Pfade des
Hains,
Zeugen himmlischen Glücks, und ihr, hochschauende
Sterne,
Die mir damals so oft segnende Blicke gegönnt!
Euch, ihr Liebenden auch, ihr schönen Kinder des
Maitags,
Stille Rosen und euch, Lilien, nenn ich noch oft!
Wohl gehn Frühlinge fort, ein Jahr verdränget das
andre,
Wechselnd und streitend, so tost droben vorüber die
Zeit
Über sterblichem Haupt, doch nicht vor seligen
Augen,
Und den Liebenden ist anderes Leben geschenkt.
Denn sie alle, die Tag und Jahre der Sterne, sie waren
Diotima! um uns innig und ewig vereint;


4

Aber wir, zufrieden gesellt, wie die liebenden
Schwäne,
Wenn sie ruhen am See, oder, auf Wellen gewiegt,
Niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich
spiegeln,
Und ätherisches Blau unter den Schiffenden wallt,
So auf Erden wandelten wir. Und drohte der Nord
auch,
Er, der Liebenden Feind, klagenbereitend, und fiel
Von den Ästen das Laub, und flog im Winde der
Regen,
Ruhig lächelten wir, fühlten den eigenen Gott
Unter trautem Gespräch; in Einem Seelengesange,
Ganz in Frieden mit uns kindlich und freudig allein.
Aber das Haus ist öde mir nun, und sie haben mein
Auge
Mir genommen, auch mich hab ich verloren mit ihr.
Darum irr ich umher, und wohl, wie die Schatten, so
muß ich
Leben, und sinnlos dünkt lange das Übrige mir.


5

Feiern möcht ich; aber wofür? und singen mit Andern,
Aber so einsam fehlt jegliches Göttliche mir.
Dies ists, dies mein Gebrechen, ich weiß, es lähmet
ein Fluch mir
Darum die Sehnen, und wirft, wo ich beginne, mich
hin,
Daß ich fühllos sitze den Tag, und stumm wie die
Kinder,
Nur vom Auge mir kalt öfters die Träne noch
schleicht,
Und die Pflanze des Felds, und der Vögel Singen
mich trüb macht,
Weil mit Freuden auch sie Boten des Himmlischen
sind,
Aber mir in schaudernder Brust die beseelende Sonne,
Kühl und fruchtlos mir dämmert, wie Strahlen der
Nacht,
Ach! und nichtig und leer, wie Gefängniswände, der
Himmel
Eine beugende Last über dem Haupte mir hängt!


6

Sonst mir anders bekannt! o Jugend, und bringen
Gebete
Dich nicht wieder, dich nie? führet kein Pfad mich
zurück?
Soll es werden auch mir, wie den Götterlosen, die
vormals
Glänzenden Auges doch auch saßen an seligem
Tisch,
Aber übersättiget bald, die schwärmenden Gäste,
Nun verstummet, und nun, unter der Lüfte Gesang,
Unter blühender Erd entschlafen sind, bis dereinst sie
Eines Wunders Gewalt, sie, die Versunkenen,
zwingt,
Wiederzukehren, und neu auf grünendem Boden zu
wandeln. -
Heiliger Othem durchströmt göttlich die lichte
Gestalt,
Wenn das Fest sich beseelt, und Fluten der Liebe sich
regen,
Und vom Himmel getränkt, rauscht der lebendige
Strom,
Wenn es drunten ertönt, und ihre Schätze die Nacht
zollt,
Und aus Bächen herauf glänzt das begrabene Gold. -

7

Aber o du, die schon am Scheidewege mir damals,
Da ich versank vor dir, tröstend ein Schöneres wies,
Du, die Großes zu sehn, und froher die Götter zu
singen,
Schweigend, wie sie, mich einst stille begeisternd
gelehrt;
Götterkind! erscheinest du mir, und grüßest, wie
einst, mich,
Redest wieder, wie einst, höhere Dinge mir zu?
Siehe! weinen vor dir, und klagen muß ich, wenn
schon noch.
Denkend edlerer Zeit, dessen die Seele sich schämt.
Denn so lange, so lang auf matten Pfaden der Erde
Hab ich, deiner gewohnt, dich in der Irre gesucht,
Freudiger Schutzgeist! aber umsonst, und Jahre
zerrannen,
Seit wir ahnend um uns glänzen die Abende sahn.


8

Dich nur, dich erhält dein Licht, o Heldin! im Lichte,
Und dein Dulden erhält liebend, o Gütige, dich;
Und nicht einmal bist du allein; Gespielen genug
sind,
Wo du blühest und ruhst unter den Rosen des Jahrs;
Und der Vater, er selbst, durch sanftumatmende
Musen
Sendet die zärtlichen Wiegengesänge dir zu.
Ja! noch ist sie es ganz! noch schwebt vom Haupte
zur Sohle,
Stillherwandelnd, wie sonst, mir die Athenerin vor.
Und wie, freundlicher Geist! von heitersinnender
Stirne
Segnend und sicher dein Strahl unter die Sterblichen
fällt,
So bezeugest du mirs, und sagst mirs, daß ich es
andern
Wiedersage, denn auch andere glauben es nicht,
Daß unsterblicher doch, denn Sorg und Zürnen, die
Freude
Und ein goldener Tag täglich am Ende noch ist.


9

So will ich, ihr Himmlischen! denn auch danken, und
endlich
Atmet aus leichter Brust wieder des Sängers Gebet.
Und wie, wenn ich mit ihr, auf sonniger Höhe mit ihr
stand,
Spricht belebend ein Gott innen vom Tempel mich
an.
Leben will ich denn auch! schon grünts! wie von
heiliger Leier
Ruft es von silbernen Bergen Apollons voran!
Komm! es war wie ein Traum! Die blutenden Fittige
sind ja
Schon genesen, verjüngt leben die Hoffnungen all.
Großes zu finden, ist viel, ist viel noch übrig, und wer
so
Liebte, gehet, er muß, gehet zu Göttern die Bahn.
Und geleitet ihr uns, ihr Weihestunden! ihr ernsten,
Jugendlichen! o bleibt, heilige Ahnungen, ihr
Fromme Bitten! und ihr Begeisterungen und all ihr
Guten Genien, die gerne bei Liebenden sind;
Bleibt so lange mit uns, bis wir auf gemeinsamem
Boden
Dort, wo die Seligen all niederzukehren bereit,
Dort, wo die Adler sind, die Gestirne, die Boten des
Vaters,
Dort, wo die Musen, woher Helden und Liebende
sind,
Dort uns, oder auch hier, auf tauender Insel begegnen,
Wo die Unsrigen erst, blühend in Gärten gesellt,
Wo die Gesänge wahr, und länger die Frühlinge
schön sind,
Und von neuem ein Jahr unserer Seele beginnt.