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Elegie von

Elegie

1748

Dir nur, liebendes Herz, euch, meine vertraulichsten
Tränen,
Sing ich traurig allein dieses wehmütige Lied.
Nur mein Auge soll es mit schmachtendem Feuer
durchirren,
Und, an Klagen verwöhnt, hör es mein zärtliches
Ohr!
Bis, wie Byblis einst in jungfräuliche Tränen
dahinfloß,
Mein zu weichliches Herz voller Empfindung
zerfließt.
Ach! warum, o Natur, warum, unzärtliche Mutter,
Gabst du zur Empfindung mir ein zu biegsames
Herz?
Und ins biegsame Herz die unbezwingliche Liebe,
Ewiges Verlangen, keine Geliebte dazu?
Die du künftig mich liebst (wenn anders zu meinen
Tränen
Einst das Schicksal erweicht eine Geliebte mir
gibt!),
Die du künftig mich liebst, o du vor allen erlesen,
Sprich, wo dein fliehender Fuß ohne mich einsam
itzt irrt?
Nur mit einem verrätrischen Laut, nur mit einem der
Töne,
Die, wenn du lachst, dir entfliehn, sag es, o
Göttliche, mir!
Fühlst du, wie ich, der Liebe Gewalt, verlangst du
nach mir hin,
Ohne daß du mich kennst; o, so verhehle mirs nicht!
Sag es mit einem durchdringenden Ach, das meinem
Ach gleichet,
Das aus innerster Brust zitternd dem Munde
zuflieht.
Durch die Mitternacht hin klagt mein sanfttränendes
Auge,
Daß du, Göttliche, mir immer noch unsichtbar bist!
Durch die Mitternacht hin streckt sich mein zitternder
Arm aus,
Und umfasset ein Bild, das vielleicht ähnlich dir ist!
Ach! wo such ich dich doch? Wo werd ich endlich
dich finden?
O du, die meine Begier stark und unsterblich
verlangt!
Wo ist der Ort, der dich hält? Wo fließt der segnende
Himmel,
Welcher dein Aug umwölbt, heiter und lächelnd
vorbei?
Dürft ich mein Auge zu dir einst, seliger Himmel,
erheben,
Und umarmet die sehn, die du von Jugend auf sahst!
Aber ich kenne dich nicht! Vielleicht ging die fernere
Sonne
Meinen Tränen daselbst niemals nicht unter und auf.
Soll ich dich niemals, o Himmel, erblicken? Führt
niemals im Frühling
Meine sanftzitternde Hand sie durch ein blühendes
Tal?
Sinkt sie, von süßer Gewalt der allmächtigen Liebe
bezwungen
Nie, wenn der Abendstern kömmt, mir an die
bebende Brust?
Ach, wie schlägt mir mein Herz! Wie zittern durch
meine Gebeine
Freud und Hoffnung, dem Schmerz unüberwindlich,
dahin!
Unbesingbare Lust, ein süßer prophetischer Schauer,
Eine Träne, die mir still von den Wangen entfiel;
Und ein Anblick geliebter mitweinender weiblicher
Zähren,
Ein mir lispelnder Hauch, und ein erschütterndes
Ach;
Ein mich segnender Laut, der mir rief, wie ein
liebender Schatten
Seiner Entschlafenen ruft; weissagt dich, Göttliche,
mir.
O du, die du sie mir und meiner Liebe gebarest,
Hältst du sie, Mutter, umarmt; dreimal gesegnet sei
mir!
Dreimal gesegnet sei mir dein gleich empfindendes
Herze,
Das der Tochter zuerst weibliche Zärtlichkeit gab!
Aber laß sie itzt frei! Sie eilt in den Garten, und will
da
Keinem Zeugen behorcht, keinem beobachtet sein.
Eile nicht so! Doch mit welchem Namen soll ich dich
nennen,
Die du unaussprechlich meinem Verlangen gefällst?
Eile nicht so, damit kein Dorn des vergangenen
Winters
Deinen zu flüchtigen Fuß, indem du eilest, verletzt;
Daß kein schädlicher Duft des werdenden Frühlings
dich anhaucht;
Daß sich dem blühenden Mund reinere Lüfte nur
nahn.
Aber du gehst denkend und langsam, das Auge voll
Zähren,
Und jungfräulicher Ernst deckt dein verschönert
Gesicht.
Täuschte dich jemand? Und weinst du, weil deiner
Gespielinnen eine
Nicht, wie du von ihr geglaubt, redlich und
tugendhaft war?
Oder liebst du, wie ich? Erwacht mit unsterblicher
Sehnsucht,
Wie sie mein Herz mir empört, in dir die starke
Natur?
Was sagt dieser erseufzende Mund? Was sagt mir
dies Auge,
Das mit verlangendem Blick zärtlich gen Himmel
hin sieht?
Was entdeckt mir die brünstige Stellung, als wenn du
umarmtest
Als wenn du ans Herz eines Glückseligen sänkst?
Ach du liebest! So wahr die Natur kein erhabenes
Herz nicht
Ohne den heiligsten Trieb derer, die ewig sind,
schuf!
Göttliche, du liebest! Ach wenn du den doch auch
kenntest,
Dessen liebendes Herz unbemerkt zärtlich dir
schlägt!
Dessen Seufzer dich ewig verlangen, dich bang vom
Geschicke
Fordern; von dem Geschick, das unbeweglich sie
hört.
Wehten dir doch sanftrauschende Winde sein brünstig
Verlangen
Seiner Seufzer Getön, seiner Gesänge Laut, zu!
Wie die Winde des goldenen Alters vom Ohre des
Schäfers,
Mit der Schäferin Ach hoch zu der Götter Ohr flohn.
Eilet, Winde, mit meinem Verlangen zu ihr in die
Laube,
Schauert durch den Wald hin, rauscht, und
verkündigt mich ihr!
Ich bin redlich! Mir gab die Natur Gefühle zur
Tugend;
Aber zur Liebe gab sie noch ein gewaltigers mir;
Zu der Liebe, der schönsten der Tugenden, wie sie's
den Menschen
In der Jugend der Welt edler und mächtiger gab.
Alles empfind ich von dir; kein halb nur begegnendes
Lächeln;
Kein unvollendetes Wort, welches in Seufzer
verflog;
Keine stille mich fliehende Träne, kein leises
Verlangen,
Kein Gedanke, der sich mir in der Ferne nur zeigt;
Kein halbstammelnder Blick voll unaussprechlicher
Reden,
Wenn er den ewigen Bund süßer Umarmungen
schwört;
Auch der Tugenden keine, die du mir sittsam
verbirgest,
Eilet unausgeforscht mir und unempfunden vorbei!
Ach, wie will ich dich, Göttliche, lieben! Das sagt uns
kein Dichter,
Selbst wir entzückt im Geschwätz trunkner
Beredsamkeit nicht.
Kaum daß noch die Unsterbliche selbst, die fühlende
Seele,
Ganz die volle Gewalt dieser Empfindungen faßt!