Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Der Erobrungskrieg von

Der Erobrungskrieg

Wie sich der Liebende freut, wenn nun die Geliebte,
der hohen
Todeswog' entflohn, wieder das Ufer betritt;
Oft schon hatt' er hinunter geschaut an dem Marmor
des Strandes,
Immer, neuen Gram, Scheiter und Leichen gesehn;
Endlich sinket sie ihm aus einem Nachen, der
antreibt,
An das schlagende Herz, siehet den Lebenden! lebt!
Oder wie die Mutter, die harrend und stumm an dem
Tor lag
Einer durchpesteten Stadt, welche den einzigen Sohn
Mit zahllosen Sterbenden ihr, und Begrabenen
einschloß,
Und in der noch stets klagte das Totengeläut,
Wie sie sich freuet, wenn nun der rufende Jüngling
herausstürzt,
Und die Botschaft selbst, daß er entronnen sei,
bringt.
Wie der trübe, bange, der tieferschütterte Zweifler,
(Lastende Jahre lang troff, ihm die Wunde schon
fort)
Bei noch einmal ergriffner, itzt festgehaltener
Waagschal,
Sehend das Übergewicht, sich der Unsterblichkeit
freut!
Also freut, ich mich, daß ein großes, mächtiges Volk
sich
Nie Eroberungskrieg wieder zu kriegen entschloß;
Und daß dieser Donner, durch sein Verstummen, den
Donnern
Anderer Völker, dereinst auch zu verstummen,
gebot.
Jetzo lag an der Kette das Ungeheuer, der Greuel
Greuel! itzt war der Mensch über sich selber erhöht!
Aber, weh uns! sie selbst, die das Untier zähmten,
vernichten
Ihr hochheilig Gesetz, schlagen Erobererschlacht.
Hast du Verwünschung, allein wie du nie vernahmst,
so verwünsche! -
Diesem Gesetz glich keins! aber es sei auch kein
Fluch
Gleich dem schrecklichen, der die Hochverräter der
Menscheit,
Welche das hehre Gesetz übertraten, verflucht.
Sprechet den Fluch mit aus, ihr blutigen Tränen, die
jetzo
Weint, wer voraussieht; einst, wen das Gesehene
trifft.
Mir lebt nun die Geliebte nicht mehr: der einzige
Sohn nicht!
Und der Zweifler glaubt mir die Unsterblichkeit
nicht!