Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

An Hermann von

An Hermann

Unter Tränen rissest du dich von meinem Halse!
In die Finsternis lang sah ich verworren dir nach.
Wie? auf ewig? sagtest du so? Dann lässet auf ewig
Meine Jugend von mir, lässet mein Genius mich!
Und warum? bei allem, was heilig, weißt du es selber
Wenn es der Übermut schwärmender Jugend nicht
ist?
O verwegenes Spiel! Komm! nimm dein Wort noch
zurücke!
- Aber du hörtest nicht, ließest mich staunend
allein.
Monde vergingen und Jahre; die heimliche Sehnsucht
im Herzen,
Standen wir fremd, es fand keiner ein mutiges
Wort,
Um den kindischen Bann, den luftgewebten, zu
brechen,
Und der gemeine Tag löschte bald jeglichen
Wunsch.
Aber heutige Nacht erschien mir wieder im Traume
Deine Knabengestalt - Wehe! wo rett ich mich hin
Vor dem lieblichen Bild? Ich sah dich unter den
hohen
Maulbeerbäumen im Hof, wo wir zusammen
gespielt.
Und du wandtest dich ab, wie beschämt, ich strich dir
die Locken
Aus der Stirne: »O du«, rief ich, »was kannst du
dafür!«
Weinend erwacht ich zuletzt, trüb schien der Mond
auf mein Lager,
Aufgerichtet im Bett saß ich und dachte dir nach.
O wie tobte mein Herz! Du fülltest wieder den Busen
Mir, wie kein Bruder vermag, wie die Geliebte
nicht kann!