Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Das Bildnis der Geliebten von

Das Bildnis der Geliebten

Maler, du zweifelst mit Recht, indem du den seltenen
Umriß
Meiner Geliebten bedenkst, wie du beginnest dein
Werk.
Ob von vorn das Gesichtchen, ob du's von der Seite
mir zeigest?
Viel hat beides für sich und mich beklemmet die
Wahl.
»Nun, dreiviertel?« Ich möchte das reine Profil nicht
entbehren,
Wo sie, so eigen, so neu, kaum nur sich
wiedererkennt.
Sinnen wir lang? Schon weiß ich, vernimm, die
natürlichste Auskunft:
Male die doppelte mir kühn auf dasselbige Tuch.
Denn was wagst du dabei? Man wird zwei
Schwestern erblicken,
Ähnlich einander, doch hat jede das Ihre voraus.
Und mich stell in die Mitte! Den Arm auf die Achsel
der einen
Leg ich, aber den Blick feßle die andere mir,
Die mit hängenden Flechten im häuslichen Kleide
dabeisteht,
Nieder zum Boden die lang schattende Wimper
gesenkt,
Indes jene, geschmückt, und die fleißig geordneten
Zöpfe
Unter dem griechischen Netz, offenen Auges mir
lacht.
- Eifersucht quälte dich öfter umsonst: wie gefällt dir,
Helene,
Dein zweideutiger Freund zwischen dies Pärchen
gestellt?