Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht

Im Weinberg von

Im Weinberg

Droben im Weinberg, unter dem blühenden
Kirschbaum saß ich
Heut, einsam in Gedanken vertieft; es ruhte das Neue
Testament halboffen mir zwischen den Fingern im
Schoße,
Klein und zierlich gebunden: (es kam vom treuesten
Herzen -
Ach! du ruhest nun auch, mir unvergessen, im
Grabe!)
Lang so saß ich und blickte nicht auf; mit einem da
läßt sich
Mir ein Schmetterling nieder aufs Buch, er hebet und
senket
Dunkele Flügel mit schillerndem Blau, er dreht sich
und wandelt
Hin und her auf dem Rande. Was suchst du, reizender
Sylphe?
Lockte die purpurne Decke dich an, der glänzende
Goldschnitt?
Sahst du, getäuscht, im Büchlein die herrlichste
Wunderblume?
Oder zogen geheim dich himmlische Kräfte hernieder
Des lebendigen Worts? Ich muß so glauben, denn
immer
Weilest du noch, wie gebannt, und scheinst wie
trunken, ich staune!
Aber von nun an bist du auf alle Tage gesegnet!
Unverletzlich dein Leib, und es altern dir nimmer die
Schwingen;
Ja, wohin du künftig die zarten Füße wirst setzen,
Tauet Segen von dir. Jetzt eile hinunter zum Garten,
Welchen das beste der Mädchen besucht am frühesten
Morgen,
Eile zur Lilie du - alsbald wird die Knospe sich
öffnen
Unter dir; dann küsse sie tief in den Busen: von Stund
an
Göttlich befruchtet, atmet sie Geist und himmlisches
Leben.
Wenn die Gute nun kommt, vor den hohen Stengel
getreten,
Steht sie befangen, entzückt von paradiesischer Nähe,
Ahnungsvoll in den Kelch die liebliche Seele
versenkend.